Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 4. 8. [1904]

Berlin, 4. August.

Mein lieber Freund,

Peter Dorners Verlobung mag im Zusammenhang mit seinem »Ruhm« stehen. Sicherlich aber macht er eine »gute Parthie«. Das Haus des Schwiegervaters auf der Karte, die er mir geschickt hat, läßt das mit aller Deutlichkeit erkennen. Ich habe diesen Peter Dorner, den »weltverlorenen Bauern«, hier als einen Gefühlsmann kennen gelernt, der die gerissensten Börsenjuden übertrifft.
Sehr bedauert habe ich, zu erfahren, |daß du 14 Tage krank warst. Hoffentlich hast Du, außer einiger »Gelbheit«, keine großen Beschwerden gehabt, und ich freue mich, daß Du wiederhergestellt und arbeitslustig und arbeitskräftig bist.
Der Tod Herzls hat auch mich sehr ergriffen. Er war der Anständigsten und Begabtesten einer, und man schätzt ihn umso höher, wenn man ihn mit dem Nachwuchs vergleicht. Nur was seinen zionistischen Lebensplan anlangt, so ist |er, glaube ich, zur rechten Zeit gestorben. Denn die Bewegung stand, wie ich höre, am Vorabend schwerer Krisen.
Daß ich sein Nachfolger werde, halte ich für ausgeschlossen. Die Herausgeber machen keine Anstalten, mir die Stellung anzubieten, und ich habe nicht die Absicht, mich darum zu bewerben, da die Stellung mir nicht die Freiheit gewährt, zu leisten, was ich leisten möchte, und da außerdem meine Lust, nach Wien zurückzukehren, immer geringer wird.
|Meine Äußerung über Hoffmannsthal hast Du wieder einmal mißverstanden. Mich hat es nicht überrascht, daß Du die Fehler, die Deine Freunde begehen, offen als solche bezeichnest (ich kenne Deine Offenheit sehr wohl und schätze sie sehr hoch), sondern mich hat es überrascht, daß Du einen Fehler Hoffmannsthals als solchen erkannt hast, da Du sonst, meiner Ansicht nach, Hoffmannsthal |nicht richtig beurtheilst. Im Übrigen überrascht mich wieder der Ausdruck »Eselei«, den Du gebrauchst. Jemanden, der sich abfällig über einen Schriftsteller geäußert hat und diese Äußerung dann bestreitet, nenne ich nicht einen Esel, sondern einen Lügner.
Ich trete Ende dieser Woche meinen Urlaub an. Wohin ich gehe, weiß |ich immer noch nicht. Wahrscheinlich gehe ich nach Tirol, über Wien, und in diesem Falle werde ich mich sehr freuen, Dir nächste Woche die Hand zu drücken.
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau!
Dein
Paul Goldm
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