Felix Salten an Arthur Schnitzler, [9. 11. 1903]

|Montag Abds
Lieber, wenn ein Werk von einem gutwilligen, unbeeinflußten Hörer seine Wirkung verfehlt, dass muß das Werk daran irgendwie schuld sein. So habe ich immer gedacht, und so denke ich auch heute. Da ich nun annehme, dass Sie meinem Feuilleton ein gutwilliger, unbeeinflußter Leser waren, so ist einfach mein Feuilleton mißlungen. Es kann offenbar nicht anders sein.
Das Entscheidende ist mir: Sie fühlen sich verletzt, und: Sie haben durch mein Reigen-Feuilleton eine bittere Stunde gehabt. Ich werde in meiner Antwort, (die Sie doch erwarten?) auf nichts anderes Bedacht nehmen, als auf diese beiden Umstände. Denn es war nicht meine Absicht, Sie zu verletzen, und das Feuill. wurde nicht geschrieben, um die Stunde, in der Sie es lesen, zu einer bitteren zu machen. Ganz im Gegentheil, wie Sie mir hoffentlich glauben.
Wenn meine Arbeit trotzdem auf Sie gewirkt hat, dann ist eben »das« nicht herausgekommen, was ich herausbringen wollte. Nachdem ich seit gestern diese Sache ernsthaft überlegt habe, nachdem ich alle Empfindlichkeiten, die sich regen wollten, und alle sonstigen Unterstimmen zum Schweigen gebracht habe, bin ich zu diesem Resultat gelangt. Ich sehe heute zwar selbst noch nicht genau, wo der Fehler stecken mag, aber ich zweifle nicht, dass ein Fehler an meiner Arbeit vorhanden ist; ich will daran nicht zweifeln, und ich muß nun versuchen, das Feuilleton zu erklären, außerdem aber auf eine Beschuldigung, die Sie gegen mich erheben, antworten. Zwei schwere und mißliche Dinge.
Zuerst also die Beschuldigung, ich hätte mündlich, und bisher auch öffentlich-kritisch eine andere Meinung über Sie zum Ausdruck gebracht, als die in meinem Reigen-Feuilleton niedergelegte. Das sei unaufrichtig, und habe Sie verletzt.
Darauf ließe sich erwidern, dass ich jetzt sehr wol eine andere Meinung haben könnte, ohne dass eine Unaufrichtigkeit mir deshalb vorzuwerfen wäre. Es kommt ja, wenn man seine alten, gewohnten Urtheile über einen Künstler nach Jahren wieder einmal versammelt vor, dass die eine oder die andere der früheren Meinungen einem inzwischen davongelaufen ist, sich nicht mehr einstellen will, indessen andere, neue Anschauungen sich plötzlich einfinden. So entstünde dann in den konzentrirten kritischen Arbeiten ein verändertes Gesammtbild, und man dürfte deswegen von einer Unaufrichtigkeit noch nicht sprechen. Bei mir ist aber nicht einmal das zutreffend. Was ich im »R.-F.« schrieb, habe ich seit Jahren gedacht, und Ihnen mein Denken nicht vorenthalten. Sie müßen sich erinnern, wie oft ich Ihnen sagte, dass der Anatol jetzt anders auf mich wirke, als vor 12 Jahren, und Sie müßen sich erinnern, dass ich bei diesem Thema: Anatol, Märchen ec. einmal (es war in der Frankgaße) so heftig im Ausdruck wurde, dass wir Beide darüber ins Lachen geriethen. Sie müßen sich ferner erinnern, dass ich Ihnen in unseren häufigen Gesprächen über die »Beatrice« sagte, es müße nun etwas anderes kommen. Ich |rechnete, mit Ihrer Zustimmung, die Beatrice als den Abschluß Ihrer Anatol-Epoche, fand, dass auch der vorher geschriebene »Grüne Kakadu« ein erstes Anzeichen für die neue Entwicklung sei, besprach mit Ihnen die Rückfälligkeit der »Gefährtin« und dass nach meinem Gefühl der »Paracelsus« mißlungen sei.
Dieses Feuilleton haben Sie damals in einem sicherlich übertriebenen Lob »ein Meisterwerk« genannt. Immerhin, ich durfte glauben, dass Sie mir Recht geben, durfte es umso mehr, als ich ja nur geschrieben hatte, was ich so oft mündlich zu Ihnen geäußert habe.
Heute schreiben Sie mir, Sie müßten es »bei mir lesen, dass Ihnen erst mit der Beatrice eine einigermaßen neue Verklärung der alten Figur gelungen ist!«
Sie werden im Ernst nicht behaupten können, das heiße auf Deutsch: »Damit ist Ihnen eine einigermaßen neue Verklärung gelungen!« Das heißt, was es sagt, »rückte den Typus ins Erhabene, gab endgiltige Gestalt.« Ich bitte Sie den Unterschied zwischen dem, was Sie mir vorwerfen, was Sie aus meinen Zeilen herauslesen, und zwischen dem, was ich geschrieben habe, zu beachten.
Das süße Mädel ist nun einmal ein Typus. Man bedient sich des Wortes in der Literatur, wie im Leben, zur kurzen Verständigung, um eine bestimmte Gattung rasch zu bezeichnen. Es gibt garnicht viele Dichter, die einen Typus geschaffen, die eine neue Gestalt im Leben sichtbar gemacht und die Literatur mit ihr bereichert haben. Muß ich das hier wirklich anführen, um zu erklären, dass es keinen Vorwurf bedeutet, Ihnen vom süßen Mädel zu sprechen? Bahr hat geschrieben: Schnitzler ist ein Virtuos – auf einer Seite. Und Herzl und Goldmann schrieben, Schnitzler kann nichts als das süße Mädel. Nichts davon steht in meinem Feuilleton, wie nichts davon in meinem Urtheil über Sie zu finden ist, nicht im Geschriebenen und nicht im Mündlichen. Hätte ich geschrieben: Schnitzler kommt vom süßen Mädel nicht los, dann hätte ich mich der Einkastelung schuldig gemacht. Aber ich habe |geschrieben: »gab endgiltige Gestalt, rückte den Typus ins Erhabene und entledigte sich . . « Erlauben Sie, dass ich auf diesen Unterschied aufmerksam mache. Ich schrieb: »In diesem Werke nahm erAbschied von dem Vorstadtmotiv«!!!! Damit glaubte ich, das Kastel, in das andere sie sperren möchten, zerschlagen zu haben und glaube es noch immer.
Es bleiben noch die Worte: »niedliche und langwierige Gefährtin der Dichterjugend.« Nicht im Entferntesten fiele es mir ein, darin könne etwas Kränkendes für Sie liegen. Es ist in meiner Art, mich so weit als möglich in den anderen zu versetzen, wenn ich schreibe, und da mag ich über das süße Mädel ein ungeduldigeres Wort gesagt haben. Es thut mir leid. Sachlich war es nicht falsch, der anderen Frauengestalten dabei nicht zu gedenken. Diese spielen in Ihrem Schaffen bis zum Reigen und zur Beatrice keine so wichtige Rolle, dass man sie in einer geradlinigen und knappen Auseinandersetzung Ihres Entwicklungsganges hätte anbringen müßen.
Es bliebe noch: Goldschmiedearbeit, Kleinkunst. Ich erkläre ausdrücklich, dass ich es bedaure, diese Worte angewendet zu haben, bedaure, weil sie eine von mir nicht geahnte und nicht beabsichtigte Wirkung auf Sie hervorbrachten. Trotzdem, ich kann sie verantworten. Der Absatz beginnt: »Schnitzler hatte noch andere Eigenschaften, ec.« »hatte«. Darin liegt einfach alles. Ich nenne Sie keinen Goldschmied, ich sage nicht, Sie sind ein Kleinkünstler. Ich beziehe diese beiden Worte wie aus dem F. hervorgeht, nur auf Ihre Anfänge, nur auf den Anatol, als auf das Werk, auf dem Ihr Ruhm wie auf einem Quader ruht. Diese Basis kann sich in späteren Zeiten durch Umwertung verschieben. Historisch wird man sie aber doch belaßen müßen. Und gleich nachdem die beiden ominösen Worte gesagt sind, kommt: »Dann aber fand er die Handgriffe zu einem stärkeren Material, zu einer höheren Plastik!« Heißt das, Sie zu einem Goldschmied stempeln? Dann kommt: »Umfassendere Kräfte werden in ihm frei, großzügiger und weniger zierlich.« Heisst das, Sie sind ein Kleinkünstler?
Es bliebe noch: »Er darf nicht wiederkommen. So nicht!« Lieber, das habe ich Ihnen oft gesagt, das ist meine Überzeugung, und es ist meine Überzeugung, dass Sie »ein neuer Rausch« umfangen wird. Sie umschreiben das mit den bitteren Worten, »dass ich noch Besseres von Ihnen zu erwarten scheine«. Besseres wol auch, aber noch wichtiger ist: Anderes! Zu diesem Anderen rechne ich die »letzten Masken.« Rechne ich nicht die »Literatur« und nur halb die Frau mit dem Dolch, deren geniale Erfindung mich so sehr in meinem Glauben an Ihre Wandlung bestärkte, dass meine Abneigung gegen Schwarzkopf akut wurde, als er von einem »Tric« sprach. Ich zweifle nicht, dass dieser ehrliche Mann, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, auch geschrieben hätte, es sei »ein Tric«. Und ich zweifle nicht, dass Sie das geschriebene ebenso ruhig angenommen hätten wie Sie das gesprochene Strohwort hingenommen haben. Gegen mich aber regen sich bei Ihnen so heftige Stimmen des Misstrauens, weil ich auf einem höheren Niveau und mit größeren Maßstäben die Linie Ihres Schaffens ziehe.
Ich sinne vergebens darüber nach, wie es mir passiren konnte, von Ihnen so arg missverstanden zu werden. Und da ich mich zu der Annahme, dass Sie mir irgendwie gereizt und beeinflußt, oder mißtrauisch gegenüber stehen nicht entschließen kann, komme ich immer wieder zu dem Resultat; es muß an meinem Feuilleton irgendwie und irgendwo |ein Fehler stecken.
Nur deshalb möchte ich Ihnen noch zu bedenken geben, was Sie offenbar ganz übersehen haben. Dieses Reigen-Feuilleton erschien in der Absicht, Ihnen und Ihrem Buch zu Hilfe zu kommen. Es erschien in der Verbotswoche, und unter dem Widerstand aller Faktoren. Erinnern Sie sich, dass Ihr eigener Schwager erklärt hat (was er heute wieder beim Prof. Singer that) »über so eine Schweinerei schreibt man nicht.« Diese Worte waren die Parole in allen Wiener Redactionen und niemand konnte dagegen an, diese Worte wurden ins breiteste Publicum getragen und es sollte überall heißen, »der Reigen ist kein Kunstwerk sondern eine Pornographie.« Da ist es mir eine Freude gewesen, dass ich das Selbstverständliche und ganz Unverdienstliche aussprechen durfte: der R. ist ein Kunstwerk! Dass ich durch die Nebeneinanderstellung mit dem Anatol zeigen konnte, warum er es ist. Hätte ich, wie ich ohne Mühe und wie ich es lieber gethan haben würde, meine Pfeifen höher gestimmt, dann würde ich Niemanden überzeugt haben, und ich hätte dem Buch nur geschadet, weil alle Leute gesagt hätten, »Natü-ürlich, der Salten!« So aber habe ich, das weiß ich genau, aufklärend und nützlich gewirkt! Woran mir sonst nie etwas liegt, woran ich sonst nie denke, diesmal lag mir daran, die Leute zu überzeugen, auf die Fernerstehenden zu wirken, die Gegner so viel als möglich zu entwaffnen.Das hat meinem F. vielleicht bei Ihnen geschadet. Aber die allerbeste Absicht müßten Sie mir doch zubilligen.
Aus taktischen Gründen stehen die Schlußworte da: »wir sind neugierig auf den neuen Sohn.« Ich habe mir damit vorsichtsweise eine Stufe gebaut, auf die ich steigen und den neuen Schnitzler von da aus demnächst zeigen wollte. Es sind diese Worte ein Riesenthor, das ich vor Ihnen aufmache; da kann einfach alles kommen, da erwartet man alles. Die Entwicklungsfähigkeit, die Wandlungsmöglichkeit, die heute noch nicht zu begrenzende Complexität, (lauter Dinge, die Ihnen oft und oft von nahestehenden Freunden geleugnet wurden) werden Ihnen hier als etwas Selbstverständliches zugesprochen, – und – Sie schreiben mir ich hätte Sie in ein Kastel gesperrt!
Ich frage mich, sehr betroffen, wie ich Ihnen gestehen will, ob denn die zwölf Jahre intimer Gemeinschaft nicht bei Ihnen standen, als Sie diese Zeilen lasen und ob sie so schwach waren, dass sie Ihnen nicht helfen konnte, den Sinn dieser Worte zu entziffern, die wahre Meinung, den wahren Sinn, wenn schon die Worte allein nicht deutlich genug gewesen sind. Ich frage mich weiter, ob diese zwölf Jahre, in denen ich eine Theilnahme für Ihre Schriften gezeigt habe, die in ihrer Intensität, in ihrer Activität, in ihrer Beständigkeit wie in ihrem Verständnis gewiss keine alltägliche gewesen ist, ob diese Jahre so kraftlos sind, dass sie beschämt Ihre Vorwürfe hören mußten, ohne sie aus eigenem Vorrath widerlegen zu können.
Sie werden auch meine Deprimirtheit darüber begreifen, dass ein Feuilleton, in welchem mit dem Absatz »Dass einer aber lachen kann« – bis zu »der Humor allein ist am Ziel, er ist die Nähe, ist der Gipfel, er ist das Endgiltige!« so ein Ton absoluter und höchster Anerkennung angeschlagen wird, so vollständig umgedeutet werden kann.
Neben vielen anderen Dingen thut es mir am meisten leid, dass Sie, wie es scheint durch mein F. zu starkem Selbstzweifel veranlaßt wurden. Da muß ich Ihnen aber doch sagen, dass Sie dazu nicht den mindesten Anlaß haben, dass ich nicht bloss »Besseres von Ihnen zu erwarten scheine« sondern dass sich nahezu alle meine Urtheile, die Ihre künstlerische Kraft betreffen, in den letzten Jahren nur gefestigt haben! Und ich muß |doch einmal noch Sie darauf aufmerksam machen, dass in meinem Feuilleton überall, wo etwa von Ihren Grenzen die Rede ist ein »hatte«, ein »war«, kurz ein Perfectum steht, und dass überall, wo von der Gegenwart gesprochen wird, das Wort Vorn, Reife, Entwicklung das Geringste ist, was gesagt wird, und dass die Thatkraft als eine hoffnungsvolle bezeichnet wird. Das ist die Linie, die ich einhalten wollte, und die ich, wie es scheint, doch nicht straff genug gezogen habe.
Noch nie habe ich eine kritische Arbeit so gerne geschrieben, und noch nie ist mir mein kritisches Amt, das ich ja nicht aus innerster Neigung auf mich genommen habe, das ich aber doch immer mit Gewissenhaftigkeit und gutem Willen versehe, so verleidet und zum Überdruß gewesen, wie jetzt, seit ich Ihren Brief empfing.
Ich weiß nach dem Vorgefallenen nicht, ob ich Sie durch diesen langen Brief auch nur in einem Punct überzeugt habe. Ich weiß ja jetzt auch garnichts mehr, und ich überlege mir, ob es einen Wert für Sie haben kann, wenn ich jetzt noch Ihrer Vorlesung beiwohne. Nicht als ob mein Urtheil über Sie befangen oder schwankend gemacht werden könnte, aber wie ich Ihnen nun meine Meinung formuliren soll, und wie Sie sie aufnehmen, dessen bin ich jetzt nicht mehr sicher, und glaube, wir wollen es diesmal lieber unterlassen.
Ihr
F. S.
    Bildrechte © University Library, Cambridge