Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, Olga und Elisabeth Gussmann, 27. 9. [1901]

|Berlin, 27. September.

Mein lieber Freund,

Bitte übermittle diesen Brief an seine Adresse, da Du mir auf meine Frage, wo die Mädeln jetzt wohnen, noch nicht geantwortet hast.
Herzlichst Dein
Paul Goldmnn
Ist Richard schon in Wien?
Berlin, 27. September.

Liebes Fräulein Olga,

Endlich eine freie halbe Stunde! Gleich hole ich mir Ihren Brief heraus aus dem Paket, das auf meinen Pult sich aufgehäuft hat. Sie haben mir so lieb geschrieben und haben mir damit eine so große Freude gemacht! (Das »Sie« ist immer Mehrzahl und bedeutet hier Olga und Liesl). Ich habe Arthur bereits gebeten, Ihnen zu danken. Da er dies, wie ich voraussetze, vergessen hat, so danke ich Ihnen hier noch einmal.
Liebes Fräulein Olga (jetzt in der Einzahl): Daß Sie keine Berichte über Kaiserzusammenkünfte lesen, thut mir leid. Erstens war mein Bericht hübsch. Zweitens ist die Nichtachtung |der Politik, wie sie unter unseren Wiener Freunden besteht, ein Fehler. Alles Menschliche ist interessant; und eine Kaiserzusammenkunft bietet nicht weniger menschliches Interesse als das erste Auftreten von Fräulein Medelsky im Volkstheater. Geschichte betreiben unsere Freunde. Aber was ist Politik Anderes, als Geschichte, die wir miterleben? Die großen Frauen der Renaissance und in Frankreich haben sich mit Politik immer viel beschäftigt und haben viel davon verstanden.
Das Feuilleton von Lesser habe ich nicht gelesen. Er ist persönlich ein braver Mensch. Meinetwegen alssoll er für Altenberg schwärmen und sogar für Hoffmannsthal. Von Letzterem werden wir im »Deutschen Theater« ein Versdrama zu sehen bekommen. Ich freue mich schon riesig.
|Daß Ihr Vater sich so abscheulich benimmt, thut mir unendlich leid. Kann man da gar nichts machen? Arthur soll den Prozeß nur jedenfalls einleiten. Ich bedaure namentlich, daß ich in der Angelegenheit so gar nicht zu Hilfe kommen kann. Zum Beispiel, wenn ich eine Million hätte, wäre das sehr einfach. Bitte, warum hab’ ich keine Million?
Diese neuen Kleider müssen herrlich sein. Besonders, wenn ich den himmelblauen Gürtel sehen könnte, es thäte meinem Herzen wohl!
Ich denke oft und herzlich an Sie (wieder Mehrzahl). Welsberg liegt fern. Ich lebe wieder mein elendes Leben und bin unbeschreiblich einsam in dieser kalten Stadt, in der Niemand mich mag, Keiner und Keine.
|Liebes Fräulein Olga, kommen Sie bald mit dem Arthur nach Berlinschreiben Sie mir bis dahin noch manchen lieben Brief und seien Sie herzlich gegrüßt von
Ihrem ergebenen
Dr. Paul Goldmann.
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