lieber, beim Nachhau
seko
mmen aus Theater
und Hotel hab ich Ihren
kurzen aber klingenden Brief vorgefunden und mich
sehr damit gefreut. Es mußte für
mich freilich nicht gerade der
Eins. Weg kommen,
um mich Ihr Fern
sein
schmerzlich empfinden zu la
ssen. Der Abend ge
stern i
st
überra
schend gut ausgefallen: jedenfalls war er äußerlich der
stärk
ste Erfolg meiner
Theaterlaufbahn. Völlige Stu
mmheit nach dem er
sten Akt,
wahre »Stürme« nach 2., 3., gedämpft nach dem 4
[.], wieder
sehr
stark
|nach dem 5. Akt.
Bassermann anfangs etwas bläßlich, am Schlu
ss
unvergleichlich.
Reicher hat mich in
gewi
ssem Sinne angenehm enttäu
scht. Im ganzen war er wohl unerträglich genug; aber
die Lei
stung als ganzes war von einer gewi
ssen Ge
schlo
ssenheit,
so da
ss man einen
mehr men
schlichen als kün
stleri
schen Widerwillen gegen die Figur kriegte.– Selt
sam
sind doch Dramen
schicksale. Eine
solche Aufnahme in
Berlin vor 2 ½ Jahren – und Ihre Profezeihung wäre erfüllt gewe
sen. – Den
Rehberg hab ich in der
Hinterbrühl gele
sen, wo wir höch
st angenehme acht Tage im Hotel
Radetzky |gewohnt und
tennis
ge
spielt haben (Einmal mit
Hugo, den ich im
single set 6:4
schlug!) – Es i
st ein glänzendes Ding,
und es gibt vielleicht im ganzen darin nur 3–5 Stellen, bei denen mir im Stil irgend
was wie ein fal
scher Ton er
scheint. Doch möcht ichs, nach einem Zwi
schenraum von ein
paar Wochen, noch einmal le
sen, um mich
selber nachzuprüfen. Hingegen
sage ich
schon
heute mit Ent
schiedenheit, da
ss ich den vorletzten Ab
satz fortwün
schte. Hier weden
Zu
sa
mmenhänge mit einer meinen Ge
schmack
störenden
Deutlichkeit aufgezeigt;
die Zu
sa
mmenhänge, die im
|Gang der Ge
schichte
wirklich für jeden er
sichtlich
werden, der in an
ständiger Wei
se zu le
sen ver
steht, und mir er
schien daher die
ser
ganze Ab
satz wie eine Referenz vor den oberflächlichen, die ihnen nicht gebührt. Ich
habe mich natürlich auch gefragt, ob die
ser Rückblick vielleicht als Ergänzung zum
Charakterbild des Erzählers Ihnen unerläßlich
scheinen mochte – doch find ich da
ss
die etwa neuen Züge höch
stens um Sinne philo
sophi
scher Altersveränderungen zu deuten
wären, die mit dem kö
stlich-fertigen Chronik-
Rehberg, den Sie ge
stalteten, nichts weiter zu thun haben. Auch wirkt
|die Stelle, wo
Rehberg zum Selb
stankläger wird »
Und dann
hat mich dies Treiben so weit von meinem Worte fortgerissenetc« keineswegs bezwingend wahr. Weder
subjectiv noch
objektiv.– Ich würde daher in der Buchausgabe von dem Ab
satz nur die er
sten Zeilen
stehen la
ssen bei »
als der Kaiser
gegen ihn gewesen« – oder nicht einmal die – und ruhig auf den letzten Ab
satz
übergehen.–
Ihr
Berliner
Feu[i]lleton in der
Zeit hab ich mit Ergriffenheit gele
sen. Sind
|Sie nun
schon an der
Herzl-Biographie? Und welches
sind die größten Sachen, die Sie componiren? – Die
Wartburgerrei
se war ein Ausflug zum Vergnügen
oder
son
st was?– Wie
stehts mit
Spanien?– Unser
Kinderarzt Dr
Pollak theilt mir mit, d
ss
Heringsdorf u
be
sonders
Swinemünde enorm gel
sengeplagt
sind
1 Erkundg Sie
sich doch gut, eh Sie miethen.– Eben bekam ich von
Ludassy eine Gratul-karte zum ge
strigen Erfolg.
Seine
Frau hat eben eine
schwere Lungenentzündg durchgemacht, und ich mu
ss
sie näch
stens be
suchen. So wär es
mir
sehr lieb,
|we
nn Sie mir ra
sch nur mit 2 Worten
mit sagten, wie nun eigentlich Ihre Proze
ss
sache
steht.
–
Richard war einmal bei uns in der
Hinterbrühl, mit
Paula u
Mirjam;
sehr erfüllt von
seinem
Fünfabend-Stück.
Erfüllt
sein i
st doch der neidenswerthe
ste Zu
stand von allen; – we
nn nicht die Verpflchtungsgefühle
sich ein
stellen – die
oft trügeri
sch
sind, we
nn sie
sich auf uns
selb
st, und
immer we
nn sie
sich auf die Welt (
sowohl »Mit« als
»Nach«)
|beziehen. Dies i
st eine Wahrheit.
Sollte es aber nicht wahrere Wahrheiten geben?
– Wir haben ein neues Fräulein, angenehm jüdi
sch,
Anna Loew betitelt, und wegen einer Halsentzündg in
Hinterbrühl zurückgeblieben. Sie hat einen Bruder,
Johann Loew, Arbeiterführer, und
so bekam ich plötzlich aus
Brüssel eine,
resp. zwei
waterlohende Karten, von
Johann Loew und
Lotte Pohl-Glas. Wer die Zu
sa
mmenhänge begreift, lebt ewig.