Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 11. 3. [1897]

Fondateur M. L. Sonnemann. Paris, 11. März.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris

Mein lieber Freund,

Ich habe mit der verfluchten Orient-Geschichte unbändig zu thun. Auch thut mir mein Auge unerträglich weh. So kommt es, daß ich Deinen lieben Brief erst heut beantworte.
Ich danke Dir von ganzem Herzen für den Beistand, den Du mir in der Angelegenheit mit Kleins Bruder geliehen. Ich bin selbst wohl auch nicht ohne Schuld an diesen Unannehmlichkeiten. Ich lasse mir Leute dieser Art zu nahe kommen, in einer gewissen schlamperten Liebenswürdigkeit. Auch habe ich mich von meiner Heftigkeit zu sehr hinreißen lassen. Arthur Klein hat sich prachtvoll benommen. |Wenn Du ihn siehst, so danke ihm noch besonders, bitte! Freilich hat es weiterhin noch einige Klatschereien gegeben, und die Unannehmlichkeiten sind noch nicht zu Ende. Aber ich mache mir heut große Vorwürfe, Dich mit der ganzen Sache behelligt zu haben . . . . .
Soeben erhalte ich für Dich und Richard zwei Nummern von »Politiken«, wo Peter Nansen über Dich und zugleich über uns geschrieben hat. Ich verstehe kein Wort davon, aber es scheint prächtig zu sein. Ich sende beide Nummern an Dich.
Meine Reise nach Nizza ist infolge der Orient-Ereignisse auf nächste Woche verschoben.
|Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich auf Dein Kommen freue! Ein vorheriges Zusammentreffen in der Schweiz ist leider unmöglich. Ich darf mich nicht vom Flecke rühren; hoffentlich habe ich nur hier während Deiner Anwesenheit wenig zu thun, damit ich Dich ordentlich genießen kann. Die Wohnungsfrage wird freilich nicht leicht zu erledigen sein. Ich habe nochmals energischeste Nachforschungen angestellt. Das Resultat ist das, was ich gewußt hatte: Anständige fransische Familien geben keine Pension, und diejenigen Familien, welche Pension geben, sind nicht anständig. Ausnahmen gibt |es wohl, aber eine solche zu finden, ist reine Zufallssache. Im Übrigen denke auch ich, daß Du irgendwo zwischen Stadt und Land wohnen sollst, am Besten in Passy, das besonders anmuthig und zugleich bequem ist. Was ich Dir sage, sind keine definitiven Resultate. Ich habe einige fransische Bekannte mit Umfragen beauftragt, und die Nachforschungen dauern fort. Ein Hotel, wie Du es wünschest, wird rasch gefunden sein, sobald Du mir das Datum Deiner Ankunft mittheilst. Allzuviel Comfort wirst Du freilich nicht finden. Das Pariser |Hotelwesen issehr zurück. Das hat schon Balzac constatirt, und seit Balzac hat sich wenig geändert . . . . . . .
Was Du mir über Deine Freundin schreibst, issehr schön. Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie »auf unserem Niveau« ist, schon weil sie Deine Freundin ist. Du kannst Dir denken, wie ich mich darauf freue, sie kennen zu lernen. Darf ich Dich einstweilen bitten, mich ihr zu empfehlen?  . . . .
Nach der so gut verlaufenen Unterredung mit dem |Vater sind wohl die schlimmsten Unannehmlichkeiten vorüber. Ich halte es für ein großes Glück, daß ein äußerer Zwang Dich auf einige Zeit von Wien wegtreibt. Ich verspreche mir viel von der Wirkung, die Paris auf Dich haben wird. Es wird Dich elektrisiren, und Dich mit Schaffenskraft und Schaffenslust erfüllen. Auch wirst Du den Pariser Frühling sehen, welcher eine der Gnaden Gottes ist.
Freilich könnte es sich auch ereignen, daß Dir hier Alles sehr zuwider ist.
|Wir wollen den Himmel bitten, daß es gut ausgeht.
Bald höre ich wohl Näheres?
Ich begrüße Dich von Herzen!
Dein
Paul Goldmn
Schön habt Ihr wieder in Wien gewählt. Ihr seid eine rechte Bagage. Schämt Ihr Euch gar nicht vor Europa?
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