Mein verehrter Arthur Schnitzler,
es muss ein schöner Abend
gewesen sein in Berlin! Soweit man das aus dem
Zeitungsdeutsch erkennen konnte, hab’ ich es erkannt, und aus einer geschickteren
Besprechung kann ich sogar die Art der »letzten
Masken« vermuthen!
Indessen: ich habe heute von etwas Anderem zu sprechen, von etwas Schwerem, das mich
betroffen hat, nicht ganz unerwartet, aber immerhin mit jener Gewaltsamkeit, die jede
Wirklichkeit vor dem Gefürchteten voraus hat.
Sie wissen, dass ich mir erst ganz kürzlich ein Heim in dieser Einsamkeit geschaffen habe und dass meine
Hoffnung war, in der Stille dieses Heims, einige Fortschritte zu machen, die ich jetzt kommen
fühlte und die mich in meiner neuen, geründeten und durch ihre Geschlossenheit
wahrhaften Welt |bereiter finden sollten und fähiger mit
ihnen zu gehen. Nun will es ein Verhängnis, dass ich gerade jetzt einen Zuschuss
verliere, von dem wir fast ausschließlich gelebt haben, (denn meine Bücher und
Arbeiten tragen, trotz jahrelanger Bemühungen, so gut wie nichts –) – so dass ich, da
ein Verdienen von hier aus, das nur durch die vertrauensvolle Hülfe eines Verlegers
möglich gewesen wäre, – ausgeschlossen ist, alles verlassen und in die Fremde gehen
muss, mir und den meinen Brot zu holen. Denken Sie meine
Bestürzung: der Zusammenhang mit der Zeit fehlt mir ganz, den fast jede
Beschäftigung, die Geld einbringt, verlangt und ich weiß, dass es für meine Kunst
keine größere Feindschaft giebt als die Zeit, das Tägliche . . . das Allzutägliche! Trotzdem muss etwas gefunden werden, bald, besser heute, als
morgen, und ich kann froh sein, wenn es etwas ist, was mir ermöglicht meinen Weg
nicht ganz aufzugeben, ihn wenigstens mit den Augen festzuhalten, wenn |auch die Hände eine Weile von ihm lassen müssen. Ich
habe mich in diesen Tagen der Angst nach mehreren Seiten gewandt, und es ist nicht
unmöglich, dass ich nach Wien komme, um dort eine
Korrespondenz für eine Zeitschrift zu übernehmen. Dieser
Posten würde aber nicht genügen und ich müsste nebenbei noch andere regelmäßige Korrespondenzen und Mitarbeiterschaften ev. auch an
Zeitungen im Ausland oder im übrigen Oesterreich übernehmen dürfen (Gebiet: bildende Künste, Litteratur, ev. auch
Theater. . . ) wenn mir damit wirklich gedient sein soll.
Ich schreibe Ihnen jedenfalls wie sich die Sache mit dem Korrespondentenposten entwickelt und bitte Sie, wenn
Sie gelegentlich (was doch leicht möglich ist) von Vakanzen
hören, sich meiner zu erinnern: Sie thun mir einen großen Dienst, verehrter Herr Schnitzler. Ich stehe mit meinen Lieben an diesem bösen
Kreuzweg im argen Winde und warte wohin die Nothwendigkeit |mich drängt, herzlich bereit, aus dem Leben, das sie mir
zumuthet, mein Leben zu machen.
Meine Lieben,
(d. h. meine Frau und
unsere kleine Tochter)
bleiben im Westerweder Hause zurück; trotzdem fiele die
Nothwendigkeit eines getrennten Hausstandes pekuniär nicht arg ins Gewicht, weil das
Leben hier ungewöhnlich billig ist und beide Haushalte lange nicht soviel kosten
würden, wie ein gemeinsames Wohnen in dem theueren Wien. Auch hängt die Kunst meiner Frau zu sehr mit diesem Lande zusammen, als dass ich ihr
jetzt eine Trennung davon zumuthen dürfte. Es bleibt also nur ein einziger, schmerzhafter Ausweg. Nun hoffe ich, dass ich den Posten in Wien bekomme, denn ich würde gern in Wien sein und glaube wohl, dass ich mir da auch Raum schaffen
und Gutes leisten könnte! Sie hören bald mehr und inzwischen wissen Sie mir
vielleicht auch einen bestimmten Rath zu geben. . . . daran zu
denken, dass ich Ihnen nahe wäre, hat viel Schönes und Liebes für mich!
Ihr: Rainer Maria Rilke
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