Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 2. 12. [1896]

Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour. Paris, 2. December.
Bureau à Paris

Mein lieber Freund,

Mir scheint, in meinen letzten Brief hat sich sehr gegen meinen Willen ein falscher Ton eingeschlichen. Du hast etwas vom »Berühmtwerden« herausgehört? Ich schwöre Dir, ich bin durchdrungen von der Nichtigkeit und Unbedeutenheit aller jener Vorgänge. Ich habe mich sogar im Verdacht, daß ich ein wenig Komödie gespielt habe. Ich glaube, ich hätte mich vielleicht doch nicht geschlagen, wenn ich nicht gar ssicher darauf gerechnet hätte, der Andere werde mich nicht erschießen. Du wirst ja selbst auch sehen, wie rasch das Alles vergessen werden |wird, wie bald ich in mein Dunkel zurückkehren werde, nachdem ein flüchtiger Lichtstrahl von draußen auf mich gefallen. Ich glaube sogar, ich habe es von Anfang an ein wenig auf diesen Lichtstrahl angelegt. Ich habe für Gerechtigkeit eintreten und zugleich mir etwas Reklame machen wollen. Ich habe mit schlauer Berechnung von Anfang an gesehen, daß die ganze Angelegenheit ein gutes Mittel sei, auf anständige Weise von mir reden zu machen. Gewiß war auch die Empörung über das Unrecht dabei. Ich will mich nicht schlechter machen, als ich bin, aber Du machst |mich viel zu gut. Etwas Derartiges, wie Deinen entzückenden Glückwunschbrief von neulich habe ich nicht verdient. So wie ich Dirs eben gesagt stehen die Dinge und nicht anders, und ich möchte nicht, daß es einen Schatten von Unehrlichkeit gebe zwischen Dir und mir.
Jetzt will ich Dir noch sagen, daß ich gestern einen Brief von Georg Brandes erhielt, worin er mir, zu meiner freudigen Überraschung, schreibt, er habe mich in Kopenhagen liebgewonnen; will Dir außerdem sagen, daß ich Herzls Art, mich jetzt zu |überschätzen, ebenso lächerlich finde, wie seine bisherige Art, mich zu unterschätzen (der Mann ist immer urtheilslos, so oder so); und will Dich ersuchen, dem Artikel des »Figaro«, den Du im Börsen-Courier gefunden, nicht das mindeste Gewicht beizulegen. Im »Figaro« werden solche Dinge nur gedruckt, wenn man sie bezahlt. Der Mann, der diesen Artikel geschrieben, ist ein erbärmliches Subject, unfähig, irgend Jemandem aus freien Stücken Gerechtigkeit zu erweisen. Ich vermuthe, daß der Artikel von der Familie Dreyfus herrührt, |und wenn man ihn aufmerksam liest, so ist er, unter dem Vorwand von mir zu sprechen, ein geschicktes Plaidoyer für den Verurtheilten. Und nun wollen wir kein Wort mehr von der ganzen Geschichte reden, nicht wahr?
Nach Allem, was in den letzten Wochen zwischen mir und mir gestanden, bin ich jetzt wieder allein en tête-à-tête avec moi-même. Und da sehe ich erst ganz deutlich, daß alles Äußere Schwindel war, und daß ich unfähig bin |zur wahren Leistung: ein gutes Buch, ein gutes Stück. Und nicht einmal die Liebe will kommen. Nie, nie ein geliebtes Wesen in die Arme geschlossen! Und morgen ist die Jugend zu Ende! Und es will nicht kommen! Das ist trostlos; und dann gehts recht schlimm mit meinen Augen, und ich fürchte, blind zu werden . . .
Entschuldige, daß ich Dir gar so viel von mir spreche. Ich freue mich, zu hören, daß Du wieder arbeitest und daß Dir die Arbeit seelisch gut thut. Die Sachen, mit denen Du beschäftigt bist, dürften |Dir sehr »liegen«. Wie denkst Du aber doch über das historische Wiener Stück? Vielleicht mit einem jungen Componisten, der ein Bischen alte und neue Wiener Musik dazu machen würde? Würde Dich diese Abwechselung nicht einmal reizen? Oder willst Du fürs Erste überhaupt kein größeres Stück schreiben? Auch das würde ich sehr billigen. Und wann kommt Dein Buch bei Fischer?
Wer ist dieser Stephan Grossmann, den Du mir geschickt hast? Ich habe mich für ihn verwendet, und heut wird mir ein Zeitungs-Ausschnitt geschickt, worin steht, daß |er sich der Berliner Polizei als Spitzel angeboten habe. Ich habe ihm gesagt, daß er, da er mit einer Empfehlung von Dir bei mir erschienen ist, in meinen Augen von vornherein gegen alle Zeitungen Recht hat. Aber er hat sich ungeschickt gerechtfertigt; das kann freilich auch Befangenheit sein; darum möchte ich gern in zwei Worten hören, wie Du über den Fall denkst?
Ist es wahr, daß die »Allgemeine Zeitung« in andere Hände übergeht? Was wird aus Salten?  . . .
Sei nochmals von ganzem Herzen bedankt für Deine treue Antheilnahme an den letzten Vorgängen. Tausend herzliche Grüße! Dein
Paul Goldmn
Grüße Richard und Leo! Und schreib’ mir recht bald!
Die Kritiken sende ich Dir demnächst zurück

|Dies ist ein Ausschnitt aus einem Briefe, den mein College Th. Wolff dieser Tage von seiner Mutter erhalten hat:
[handschriftlich Recha Wolff:] recht zu sagen. Gestern war ich mit Martha am Deutschen Theater, wo wir einen wirklichen Genuß hatten. »Freiwild« von Schnitzler ist das Schönste, was ich seit lange gesehen, und gespielt wurde geradezu vollendet.
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