Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 15. 10. [1895]

Fondateur M. L. Sonnemann. Paris, 15. October.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris

Mein lieber Freund,

Speidels Feuilleton habe ich gestern gelesen, und es hat mich entzückt. Es isschön und einfach geschrieben, und vor Allem freut es mich, daß er Deinem Character so gerecht wird, daß er so wohl versteht, wie der Werth Deiner Production neben allem Talent auch im Moralischen liegt, in dem Muthe, in dem starken Streben, ganz einfach das Wahre zu sagen, |unbekümmert um das Treiben und Reden der Anderen. Er ist doch ein großer Kritiker, und z. B. Herzl in seiner gesuchten und manierirten Art hätte das nie gefunden. Ob er Dich überschätzt? Gewiß, er hätte Einiges tadeln können. Ich verstehe vollständig, was Du meinst. Ich begreife, daß es Dich in Verlegenheit setzt, so rückhaltslos gelobt zu werden. Vor Enttäuschungen fürchte ich mich zwar nicht. Aber ich kann es nachfühlen, daß Du, als ehrlich strebender Mensch, Dich fortwährend unfertig |fühlst und daß es Dir daher peinlich ist, wenn man Dich als einen Vollendeten hinstellt. Ein Herzl, David oder Nordau hätte Speidels Feuilleton einfach als den ihm gebührenden Tribut hingenommen. Du, in Deiner Bescheidenheit und Grundehrlichkeit, mußtest davon in Verlegenheit gebracht werden. Das stimmt Alles. Wenn aber Du sagen mußt, Speidel habe Dich überschätzft, so darf ich sagen: Nein, er überschätzt Dich nicht.  Er sagt von Dir gerade das, was Dir gebührt. Vergiß’ auch |nicht, mein lieber Freund, daß Speidel Dich in Deiner ganzen Art neu entdeckt – daß Deine ganze Persönlichkeit ihm eine neue Erscheinung ist, während wir dieselbe längst kennen – und daß er sich mit dieser bedeutenden Persönlichkeit (entschuldige die starken Ausdrücke, aber sie lassen sich nicht vermeiden) im Ganzen abzufinden hat, nicht blos bei deren letztem Ausfluß, der »Liebelei«, deren kleine Mängel |er darum nicht sieht, weil er das Gesammtbild in seinen großen Linien vor Augen hat. Das Feuilleton gilt auch mehr dem allgemeinen Arthur Schnitzler, als dem besonderen Drama.
Daß der materielle Erfolg sich nun auch einstellt, habe ich gleichfalls vorausgesehen. Ganz Wien  wird hineinlaufen, um dieses echt Wiener Stück zu sehen. |Ich bin wahrhaft glücklich, daß es so gut geht. Du ahnst gar nicht, welch’ große materielle Wirkung Speidels Feuilleton für Dich haben wird. In jeder Beziehung bist Du nun lancirt, – bist aus der Menge der im Dunkeln Strebenden herausgehoben und stehst auf der Höhe mit den Wenigen.
Um Dich dort zu erhalten, wirst Du weiter thätig sein, wie bisher. Und zwar muß sich – das wird |sich auch naturgemäß als Entwickelungs-Resultat ergeben – Deine Kunst erweitern und vertiefen. Sie muß, statt wie bisher nur eine Seite des Lebens, allmälig das ganze Leben umfassen. Concret gesprochen: Du darfst höchstens noch ein Süßes-Mädel-Stück schreiben. Dann mußt Du hinaus ins große Ganze – immer weiter von Deines Herzens besonderen Erlebnissen weg – mußt aus dem Vollen |nehmen und gestalten. In »Märchen« und »Liebelei« hast Du Deine eigene Jugend poetisch ausgestaltet; vielleicht wirst Du das auch in »Freiwild« thun; das macht nichts. Dann aber mußt Du zeigen, daß Du nicht nur Dein Leben, sondern auch das Leben der Anderen zu gestalten weißt, – das eigentliche, das große Leben. Wenn Du das kannst, wirst Du ein großer Dichter sein. Und ich bin überzeugt – nach all’ dem Schönen, was diese |Tage gebracht haben, werden wir auch das noch erleben. Alle Zeichen deuten darauf hin.
Was Deine Umänderungs-Pläne betrifft, so halte ich Dein Gefühl für durchaus richtig. Gewiß, der alte Weiring müßte mehr hervortreten, müßte dramatischer werden. Die Art, wie Du seine dramatische Belebung Dir denkst, finde ich |durchaus billigenswerth. Wenn Du Lust und Stimmung dazu hast, versuchs immerhin. Der zweite Akt kann durch eine kräftige Scene dieser Art nur gewinnen. Anderseits möchte ich Dir aber zu bedenken geben, daß es immerhin gewagt ist, ein fertiges Werk, das auch bereits vor dem Publicum seine Probe bestanden hat, nachträglich zu ändern. Werden die nachträglich |eingeschobenen Scenen nicht einen anderen Ton anschlagen und so den Gesammt-Ton des Stückes stören? Liegt nicht überhaupt die Gefahr vor, daß durch die nachträgliche Einschiebung die ganze Ökonomie des Stückes geschädigt wird? Das sind Fragen, die nur Du allein beantworten kannst. Im Allgemeinen bin ich, nach Erwägung aller Gründe und Gegengründe, eher |für die Änderung als dagegen. Du hältssie für nöthig und hast Lust und Kraft dazu. Das ist entscheidend.
Herzls Vorschlag gibt mir nur einen neuen Beweis von der Urtheilslosigkeit des Mannes, und ich verstehe nicht, wie Du seinen Rath als »klug« bezeichnen kannst. Er will die Existenzfrage hineinmischen. Aber, Du lieber Gott, das bringt ja ein |ganz neues und ganz fremdes Element in das Stück – das sociale Element, das Du, bewußt oder unbewußt, mit Feingefühl vermieden hast!  . . . .
Davids »Regentag« muß ein schöner Dreck sein! Entzückend ist die »Neue Fr. Pr.«, die diesen Anlaß braucht, |um darzuthun, was für ein bedeutender Mann David ist.
Über Bahr schrieb ich Dir bereits. Nochmals: ich erwarte von Richard oder Loris auf das Bestimmteste, daß sie dem Burschen jene Zurechtweisung zutheil werden lassen, die infolge seiner persönlichen Gemeinheiten unumgänglich nöthig geworden ist, die Du ihm nicht ertheilen darfst, und |die ich ihm leider, fern von Wien, nicht ertheilen kann. Übrigens behalte ich mir doch noch ein Einschreiten vor, falls die Wiener Freunde versagen sollten.
Granichstaedten? Einen Dienstmann engagiren, um ihm ins Gesicht zu spucken. Es lohnt nicht der Mühe, das selber zu thun. Aber im Sommer wart Ihr Beide ja sehr versöhnlich gestimmt gegen den Herrn!  . . . . . .
|Stolz werden? Nein, nein, ich weiß! So meinte ich es auch nie. Ich dachte an etwas Anderes, das kommen wird, zwischen Dir und mir oder zwischen mir und Dir, – langsam, langsam, aber ich fürchte, es kommt. In dieser Beziehung siehst Du, glaube ich, nicht so klar, wie sonst in allen Dingen.
Viele treue Grüße, mein lieber, lieber Freund! Wie bin ich froh, Dich soweit zu haben!
Dein
Paul Goldmnn
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