Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 11. 5. 1891

Monsieur le docteur Arthur Schnitzler

|Lüttich 11. Mai. Lieber alter Freund! Einen kurzen Gruß einstweilen. Ich habe über Nacht Marschbefehl erhalten und bin seit heut im belgischen Strikerevier. Fürchterliche Arbeit – aber eine neue, herrliche Welt. Ich stecke voll neuer Eindrücke bis unter’s Dach. Soeben habe ich einen Apostel der Heilsarmee, der mich bekehren wollte, hinausgeschmissen. Zwei Königreiche dafür, Dich mitzuhaben! Eine neue Zeit beginnt für mich – Gott gebe, daß die neuen Vorsätze anhalten. Eine neue Zeit auf dem Boden der alten, der ganz alten Moral. Kein Künstler mehr – ein sachlicher Philister stattdessen; kein Genußmensch – sondern Pflichtenmensch; nicht mehr ich – sondern ein Sohn meiner Mutter und ein Bruder meiner Schwester. Tu tarderas de me comprendre. Dank einstweilen für Deinen lieben, lieben Brief! Zwei Zeilen nach Brüssel Poste restante  . . bitte, bitte! Ich grüße Dich von ganzem Herzen. Dein
Paul.
Lüttich – nein, das läßt sich nicht sagen.
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