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Überlieferung

1 Versand: 4. 6. 1904
Preuschen, Hermione von
Villa Waldfrieden
2 Umleitung: Frankgasse 1
3 Empfang: [6. 6. 1904 – 10. 6. 1904?]
Schnitzler, Arthur
Edmund-Weiß-Gasse 7
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, XXXX
Typ Brief
Beschreibung 1 Blatt, 4 Seiten, 4.497 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Hermione von Preuschen an Arthur Schnitzler, 4. 6. 1904. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L04551.html (Abfrage 5. 11. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L04551«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Samstag, 4. 6. 1904

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Hermione von Preuschen an Arthur Schnitzler, 4. 6. 1904

|Samstag 4. Juni 04
Ob Sie diese Zeilen erhalten? Mit der uralten Küsschneradresse? Es wäre aber schade, wenn nicht, wie um alles Echte, das sein Ziel verfehlt. – –
Ich habe neulich Ihren »Reigen« gelesen. – Ich bin nicht entzückt, ich bin verblüfft über die abgundtiefe Weisheit, die er enthält.
Sie haben »ars amanti« studirt und erfaßt wie Wenige. – Ich glaube, daß die Meisten gar nicht kapiren, wie es nach dem Leben ist, weil die Meisten das Leben nur von Einer Seite kennen u erfassen – sonst aber mit Scheuklappen an Allem vorbeigehen. – Doch eigentlich wollt’ ich Ihnen nicht sagen, was Sie selber wissen – ich wollte Sie fragen, ob ich Ihnen als einem, als meinem Freund schreiben darf? Eben wegen dieses »Reigen«, deswegen allein. – Zum mindesten überraschend von einer »Dame«. Nehmen Sie’s meinetwegen pathologisch, nur sagen Sie nicht nein.
Hören Sie mich u. antworten Sie mir, »zweckentsprechend« – so lang ich Sie nicht langweile.
Nur so lang – bitte.
Wer ich bin ist ganz nebensächlich.
Nicht jung, aber »noch jung« – jedenfalls viel zu jung um mich schon in die Banalität der Frau, oder den Abgrund der Tragödie finden zu können. Es giebt freilich Weiber in meinen Jahren die sich einbilden, sie seien uralt.
Am Tag, da ich das von mir finde, könnte man mich begraben. – Was ich will? – Ich will in Ein Leben, in mein Leben |den Puls von Tausenden drängen. Die Schicksale, die Gedanken, die Gefühle von Tausenden. Ich will eben das »Leben« u. nicht wie die Allzuvielen das »Vegetiren«. – Ich paße nicht in diese Liliputzeit, der ich nur befremdlich, umwahrscheinlich »positiv« scheine. – Obgleich ich die Natur selber bin. – – Aber es ist Alles so klein und eng. Bei jedem Athemzug stoß ich mich am Hergebrachten.
Ich will gar Nichts von Ihnen. – Ihre Frau, wenn Sie eine haben, braucht mich wegen meiner Briefe nicht schief anzusehn (im Geist,) ich habe z. Z. »sinnliche Liebe« u. auch seelische. h. d. ich sag’ es mir. – Es ist aber noch so unendlich viel unverbrauchtes in mir, an dem ich ersticken muß, wenn ichs Niemand gebe, Einem, der eben so reich wie ich, mir dafür von Seinem giebt. Wenn ich die Schriftstellerin comme it faut wäre, setzt’ ich mich vor meine Tinte u. schriebe Werk um Werke. – Aber – das ist mir zu todt, ich brauche ein persönliches Echo – mit Einem Wort – ich bin trotz all meiner andern freien Alluren atavistisch »Weib«. – Ich meine das Schaffen ist wie Stein u. Zunder – es gehört Beides dazu, um Feuer – Werke zu geben. Das Einzelschaffen ist mir unmöglich.
So ähnlich schrieb ich schon Einmal an einen großen Dichter. Es war ihm sehr recht – wir verständigten uns brieflich ganz prachvoll.
Dann kam die Neugier u. wir trafen uns. – Er hatte es mir zuvor gesagt – seine Größe lag nur in seinen Werken – persönlich war er eine Null! |h. d. ein Automat, in den man gutes Essen stopfte, dann an einem Knopf dückte u. heraus sprang das fertige große Kunstwerk. – Das hatte seine Menschlichkeit aufgefressen. –
Aber ich verlange beim Künstler auch den vollen, echten Menschen. – Und ich suche eben diesen Menschen – à la Diogenes mit der Laterne.
Ich such ihn – und nun kommt das Pathologische. Denn sonst muß ich sterben, geistig verhungen. – Ich lebe in einer Atmosphäre der höchsten Cultur (trotz dieses »Briefpapiers«, das mir ausgegangen, es andre, mein’ ich.)
Und in der kann man nicht leben ohne Verständniß und Aussprache. Man muß seine eigene Sprache auch mit den andern sprechen können. – Und ich bin fast immer allein – Banales bringt mich um – drum flieh’ ichs. – ich bin auch c. 9 Monat im Jahr auf Reisen, komme z. b. eben von Athen – Konstantinopel.
Bitte aber nicht, mich für »eine reiche Dame« zu halten. – Ich kann aus mehr aus meinem Geld machen, wie Andere.
So will ich auch mehr aus meinem Leben machen, in mein Leben hineinpraßen.
Dummer Weise hab ich zu viel von dem Schrecklichen, was man, »Gemüth« nennt zu aller angeborenen Wildheit.
Dieses schreckliche Gemisch macht mir allzu viel zu schaffen. Ich hab mehr Talent zum |Glück, wie Andere, bin aber eigentlich unsagbar unglücklich, weil ich nicht in meinem Lebenselement bin. – – – So, nun machen Sie sich einen Vers daraus. – Und überlegen Sie sichs, ob ich Ihnen interessant genug wäre, Ihre Freundin zu werden. – Ich brauche einen Menschen – sonst muß ich sterben. –
Schreiben Sie mir gleich, eben so ehrlich.
Sphinx
Denken Sie um Gotteswillen nicht, das sei eine Mystification.
Bei Allem, was mir heilig ist, es ist Alles echt, ach nur viel zu sehr.
– Ich brauche einen Menschen, einen ebenbürtigen – sonst muß ich sterben.
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar