Paul Goldmann an Olga Gussmann, 28. 5. [1901]

Berlin, 28. Mai.

Liebes Fräulein Olga,

Ich danke Ihnen für Ihren lieben Brief und freue mich, daß Alles glücklich vorüber ist und daß Sie wieder genesen sind. Jetzt sollen Sie sich einen schönen Sommer machen und Liebe und Natur und alle Herrlichkeiten der Welt genießen. Dann wird auch eines Tages das kleine Haus in Döbling kommen, mit Arthur, mit Kindern und mit |sonst noch all’ dem Guten, das darin sein soll. Die Hauptsache ist, sich leben zu lassen, – vorausgesetzt, daß man auf der rechten Bahn ist. Und ich denke, Sie sind darauf.
Auch haben Sie Recht, daß Sie sich fürs Erste nicht viel um Ihre Kunst kümmern. Nur leben, leben, leben! Es hat, weiß Gott, mehr Sinn, sich lieb zu haben, als Theater zu spielen. . . . . 
Ich werde Ende Juli, Anfang August nach dem Wörther See |gehen. Denn ich will ruhig sitzen, mich von der Sonne bescheinen lassen und kalt baden. Herumreisen kann ich nicht – vor Allem, weil ich kein Geld habe. Wenn wir uns alssehen wollen, müssen, Sie auch nach dem Wörthersee kommen. Kommen Sie nicht, ssehe ich Sie hoffentlich auf der Rückreise in Wien. . . . . 
Liebes Fräulein und liebe Freundin, ich danke Ihnen für alle die guten Worte, mit denen Sie mir zusprechen. Sie haben mir wohl gethan, denn ich bin fürchterlich herunter. |Physisch: denn ich habe mir in diesem Winter zuviel zugemuthet, habe mein Gehirn überspannt, und meine Nerven wollen gar nicht mehr mit. Moralisch: denn ich habe einen Ekel vor meinem Beruf und vor meinem Leben, den ich Ihnen mit Worten überhaupt nicht begreiflich machen kann. Ich hätte Ihnen gern mehr und auch heiterer geschrieben. Aber es geht nicht. Grüßen Sie Arthur, das Fräulein Liesl (der ich demnächsschreiben werde) und seien Sie selbst vielmals und herzlichst gegrüßt von Ihrem ergebenen
 Dr. Paul Goldmann.
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar