Felix Salten an Arthur Schnitzler, [24. 1. 1894]

|Mittwoch.
Lieber Doctor Schnitzler! Ich sage Ihnen vielen Dank für Ihre freundlichen Grüße. Meinem Papa habe ich, – wie schon oft vorher – auch gestern wieder Vorstellungen Ihretwegen gemacht. Er beruft sich darauf, dass er jetzt gerade sehr viel Pech in seinem Geschäft und mit allen möglichen Widerwärtigkeiten zu kämpfen habe, die er nicht hat voraussehen können; und bittet Sie um Entschuldigung und um ein wenig Geduld. Ich selbst |empfinde diese Affaire am schmerzlichsten, warum machen Sie eine Schwenkung weg von mir? Ich weiss recht gut, dass diese Sache nicht der Hauptgrund ist, obwol sie dazu beitragen mag, eine vorhandene Verstimmung zu vermehren. Ich weiss dass Sie in künstlerischer Beziehung in mich Erwartungen setzen, die ich noch nicht eingelöst habe. Aber glauben Sie, der Sie mich kennen, dass ich dadurch nicht noch viel mehr herabgedrückt werde, und noch mehr leide? Sie kennen meine Situation, Sie sehen es jetzt selbst mit an, wie ich für jeden ange|nehmen Tag durch nachträgliche Plackereien zu leiden habe, wie ich durch eine mühsame Reconstruction unseres Hauswesens in allen Studien, u. Lebensbedingungen auf Schritt und Tritt gehemmt, zurückbleiben musste, dazu kommt noch das langsame Tempo, in dem mein Talent arbeitet, ein Tempo, das sehr vornehm sein mag, wenn ich auch überhaupt von Talent reden kann. –
Dass ich Ihnen ferne geblieben, lag wol mehr an den Umständen der letzten Wochen, als an mir. Dass ich Ihnen von meiner Krankheit keine Mittheilung machte, geschah, weil ich in solcher vermehrter |Verstimmung nicht für Sie zu taugen schien, dann weil ich weiss, dass Ihnen die Behandlung solcher Sachen nicht gerade angenehm ist, und endlich, weil ich doch hoffte bis Sonntag wieder soweit zu sein, um Sie zu treffen.
Jedenfalls danke ich ihnen herzlich für Ihre Grüße von gestern. Ich wäre froh, wenn es zwischen uns nicht mehr der Worte bedürfte, um uns unserer Gesinnung zu versichern. Vielleicht bin ich übrigens diesmal Schuld, und war der Ton in Ihrem Brief nur eine eingebildete und keine thatsächliche Veranlaßung.
Ich hoffe diesen Winter doch noch mit einem Positivum zu schließen, und bleibe bis auf Wiedersehen Ihr
unveränderlicher
Salten
Ich kann seit gestern schon auf eine Stunde ausgehen, und besuche Sie vielleicht morgen.
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