Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 7. 10. [1895]

Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier, Paris, 7. Oktober.
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris

Mein lieber Freund,

dieser Brief trifft Dich also am Vorabend großer Ereignisse, oder hoffentlich schon am Ereignißtage selbst. Du kannst Dir denken, mit wie wachsendem Interesse ich Deine letzten lieben Briefe gelesen. Gern hätte ich sie rasch beantwortet; aber bei mir ist wieder der Trübsinn eingekehrt; und ich wollte nicht, daß mir allzuviel davon in die Feder flösse. Ich danke Dir von Herzen, daß Du mir so treulich berichtet hast. Gern hätte ich all’ diese Zeit |mit Dir verlebt; aber durch Deine Briefe habe ich doch wenigstens einen Wellenschlag davon zu spüren bekommen. Am Schmerzlichsten ist es mir, daß ich Mittwoch nicht da sein kann. Erstens, um rascher zu wissen, wie es ausgegangen, und zweitens, um mit Dir ein wenig die Zeit bis zum Abend zu verplaudern. Freilich hättest Du meiner wohl kaum bedurft. Mit großer Freude sehe ich aus Deinen Briefen, wie ruhig Du bist. Und wenn doch am Mittwoch Nachmittag das Herzklopfen kommen sollte – in Jener Stunde besonders, wo der Abend über den | Volksgarten niedersinkt, eigens für Dich niedersinkt – so wirst Du schon eine liebe Hand in Deiner Nähe haben, die bereit ist, die Deinige zu drücken. Ich selbst bin Deiner Sache sicher. Für mich kann es sich nur um die Größe des Erfolges handeln; ein Mißerfolg ist ausgeschlossen, aus dem einfachen Grunde, weil nicht das ganze Wiener Publicum plötzlich irrsinnig werden kann. Oh, ich glaube, es wird schön sein. Vielleicht nicht allzu  stürmisch, aber schön. Und wenn ich denke, |daß Du dahin gekommen, still und ehrlich, Dir  selbst getreu, und einfach Deines lieben Herzens Sprache redend, – so fühle ich, daß es ein hoher Ehrentag ist für Dich, für den Poeten ssehr wie für den Menschen, und ein starkes Beispiel für uns Alle. Ich habe das Bedürfniß, Jeden dieser Briefe mit Wünschen zu füllen. Leider kann ich ja bei der ganzen Angelegenheit nichts thun, als Dir fortwährend »Glück!« und »Glück!« zurufen. Aber hier will ich es wenigstens an den Meinigen nicht |fehlen lassen. So kommt denn noch ein letzter herzinniger Wunsch, daß es gut werden möge. Damit umarme ich Dich und lasse Dich Deinen Weg gehen . . . . . . . .
Den Mittwoch Abend werde ich mit meinen Gedanken in Wien sein und werde versuchen, die Zeit bis zum nächsten Vormittag nicht lang zu finden. Denn, nicht wahr, Du telegraphirst mir ein paar Worte? Und dann schickst Du mir auch wohl die Referate, ich sende |sie Dir umgehend zurück. Sehr lieb wäre es, wenn auch Richard mir telegraphiren wollte; der könnte schon etwas ausführlicher berichten.
Dabei fällt mir ein, daß es am Ende vielleicht doch gut ist, wenn ich nicht dabei bin. Ich hätte mich ausgenommen, wie die unverheirathete ältere Schwester auf der Hochzeit der Jüngeren . . . . . . . .
Dein letzter Brief war besonders schön. So voll guter Stimmung, so zu Herzen gehend! Deinem Stück thust Du aber doch wohl Unrecht. Gar so |  dünn ist es, weiß Gott, nicht. Du selbst weißt, was Du hättest noch dazuthun können, der Zuschauer aber nicht, und diesem erscheint es voll genug. Eines ist richtig, daß die Figur des Alten hätte erweitert und vertieft werden können. Man hätte gern mit ihm nähere Bekanntschaft gemacht. Aber den gibst Du uns vielleicht in einem neuen Stücke. Und wer könnte auch den Reichthum des Lebens auf der Bühne verlangen, wie Du sagst? Das |Dramatische ist ja gerade eine Auswahl aus der Fülle. Nur das Wesentliche gehört auf die Bühne; und Du weißt selbst am Besten, daß die dramatische Kunst in der Aus Ausscheidung, Beschränkung, Vereinfachung liegt. Für des Lebens Reichthum und Fülle ist das Theater zu klein . . . . . .
Es isschön, daß es mit den Proben so gut gegangen und daß die Leute so liebenswürdig zu Dir waren. Nach den Namen der Schauspieler  und nach |dem, was Du schreibst, zu  schließen, wird die Aufführung eine vorzügliche sein. Es ist doch auch gut, wenn ein Director vor einem Stücke Angst hat. So ist er gezwungen, es zum Erfolg zu führen und die besten Kräste seines Theaters dafür einzusetzen. Burckhardts  Hasensüßerei, unter der Du soviel gelitten, kommt Dir hier doch am Ende zugute. So stellt doch Alles am Ende wieder Alles in den Dienst |des Guten, selbst das anfangs Hindernde. Die große Tragödin zum Beispiel! Diese verstehe ich besonders gut in der Sache. Sie hat gesehen, daß die Rolle vorzüglich ist und daß  sie Erfolg haben wird. Das ist doch noch ein höherer Genuß, als der, einem ehemaligen Geliebten Infamien anzuthun. So wird sie  süß und zahm. Das läuft auf das heraus, was ich immer sage: Man gebe sich mit der Komödianten-Gemeinheit |nicht ab und schaffe ruhig weiter. Das unfehlbar beste Mittel gegen Theater-Intriguen ist ein gutes Stück. Jawohl, mein Freund, der Sieg des Guten und Schönen. Es ist gar nicht so gymnasiastenhaft, daran zu glauben, wie Du schreibst. Ich glaube immer mehr daran. Die Gemeinheit und alles Schlechte issehr stark hinieden; aber es gibt doch kaum etwas, das stärker ist, als diese zwei Herkulasse: |Gut und Schön. Auch ahnst Du gar nicht, wieviel gerade im Falle Arthur Schnitzler liegt, das Einen wieder mit dem Weltlauf auszusöhnen vermag . . . . . .
Reden wir ein wenig von Geschäften. Anbei findest Du einen Brief, den ich nicht beantworten wollte, ohne Dich zu fragen. Ich rathe Dir ab, vorläufig das Übersetzungsrecht der »Liebelei« zu vergeben. Warten wir erst ab, wie die Dinge gehen. Madame Aubry ist mit der Übersetzung der |»Kleinen Komödie« fertig. Ertheile ihr die Autorisation in einem deutschen Briefe, den Du mir schicken magst. Aubry hat mir versprochen, einen kleinen Bericht über die Aufführung der »Liebelei« in die »Liberté« zu bringen. Schon zu diesem Zweck brauche ich das oben erbetene Telegramm. Dem Herzl solltest Du doch ein Feuilleton geben. Glaub’ mir, Du kannst es schreiben, es ist Dir nur unbequem. |Du hast doch auch schon kürzere Sachen gemacht, zum Teufel! Denk’ Dir halt, daß Du es nicht für die »Neue Freie Presse« schreibst. Aber ich halte es für sehr wichtig, daß Dein Name auch dort erscheint. Daß »Sterben« bei Perrin erscheint, ist vortrefflich. Es ist ein anständiger Verlag, der sreilich wenig Verbindungen mit Zeitungen hat. Denn hier schreibt das Gesindel nur über |Bücher, wenn der Verleger dem Blatt ein Pauschale zahlt. Aber laß’ gut sein, ich  schaff’ Dir  schon eine oder die andere Besprechung . . . . . .
Was Du über »Juliens Tagebuch« schreibst, überzeugt mich nicht. Inzwischen habe ich auch »Maria« gelesen. Das gesällt mir viel besser. Ich weiß nicht, ob es ein wahres Buch ist; von diesen Liebes-Dingen verstehe ich wenig; aber es ist poetisch und stellenweise entzückend poetisch. |In »Juliens Tagebuch« mag ich vor Allem den Mann nicht, diesen Schwerenöther, dem alle Weiber zufliegen, der seine Systeme mit ihnen hat, der auch in dem heißen Sturm mit Julie stets den Kopf oben behält und der Juliens Liebe in genau abgezählten Tropfen zu sich nimmt: Drei Eßlöffel voll und nicht mehr; das Übrige wäre seiner Gesundheit schädlich; und so hört er auf[,] gerade, wo es nöthig ist. Ist das wirklich wahr? Du kennst diese Seite des Lebens besser, wie ich, |aber ich kanns nicht glauben, daß das wahr ist. Gerade in diesem Buche fehlt mir des Lebens Fülle. Gar so einfach liegen doch die Dinge nicht. Mir riecht das Buch zu sehr nach Schreibtisch. In »Maria« ist Wärme und Süßigkeit. Ich halte das für das erste der beiden Bücher, und ich finde es unnöthig, daß Nansen nach der poetischen Liebesgeschichte uns dieselbe Geschichte noch einmal »wahr« geschrieben hat. Gibt es überhaupt |wahre Liebesgeschichten? . . . . . Das ist vielleicht Alles sehr dumm, was ich da sage; aber mir fehlt etwas an dem Buche, und ich kann nicht recht ausdrücken, was mir fehlt . . .
Das wäre wohl Alles für heut. Bald, allerbaldigst höre ich von Dir, nicht wahr?
Grüß’ Dich Gott, mein lieber Freund!
Dein treuer
Paul Goldmann
Viele Grüße an Richard!

|Institut Rudy Paris, le [handschriftlich :]  3 October 1895
fondé en 1860
Langues, Lettres, Sciences
Arts d’Agrément
Ci-Devant: 7, Rue Royale

Sehr geehrter Herr Doctor!

Auf Empfehlung des Herrn Dr Gollmann erlaube ich mir Sie um die Adresse des Herrn Schnitzler, Schriftsteller in Wien, zu ersuchen, da ich mich beftreffs Uebersetzung ins Französische seines Stückes Liebelei an ihn wenden möchte.
Ihnen im Voraus für Ihre freundliche Mühe bestens dankend zeichne
Hochachtungsvoll
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar