Felix Salten an Arthur Schnitzler, 30. 8. 1895

Lieber Freund, ich habe bei meiner Ankunft nur die Hälfte des so bestimmt erwarteten Betrages erhalten und auf meine telegrafische Urgenz ist bis jetzt noch nichts eingelangt, so dass ich wegen der Rückreise selbst in arger Verlegenheit bin. Seien Sie mir deshalb nicht böse, wenn in der Sache eine Verzögerung von einigen Tagen eintritt, ich empfinde das ohnehin peinlich genug, und leide darunter, dass auch unsere 2te Bicycle tour mit einem solchen Nachspiel endet. Sollte ich aber heute oder morgen noch das erhoffte bekommen, dann sende ich es Ihnen sofort, wo nicht, gleich nach meiner Rückkehr nach Wien. Das ist ganz sicher.
L. kam hier an voll Erbitterung und ich lebe schwere Tage. Irgend |ein Mensch – wer, das bringe ich noch nicht heraus, – hat ihr in Gmunden oder Ischl erzählt, dass ich das erste mal in Ischl war. Ferner, dass ich voriges Jahr, als sie hieherkam, auch in Ischl gewesen, hat ihr sonst allerhand Geschichten von Frau Fr. ferner von Frl. S. erzählt, – kurz Sie können sich denken, wie das arme Mädel zugerichtet war. So hatte ich hier zu thun und habe es noch, um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Außerdem hat man ihr erzählt, wir seien in Salzburg mit einer »jungen chicken Blondine« »umhergelaufen«. Dass sie mir viel Tratsch über Sie, Beer-Hofmann und mich mitgebracht, gehört |wol mit dazu. Von Kraus ist im Familien-Journal eine Geschichte erschienen, »Esplanade Dichter«, das sind Beer Hofmann und Sie, und sollen »Eure Affectationen und Posen« darin mit vielem Witz »gegeißelt« worden sein. Ich habs nicht gesehen.
Bitte, sagen Sie an Hr. Dr. Goldmann, er möge Ihnen die Adresse von Bing oder Bingen, das ist der Japaner, mittheilen, und schreiben Sie mir nach Wien, wo ich ohnedies bald einen Brief von Ihnen erwarte.
Mit vielen Empfehlungen an Dr G. herzlichst
Ihr
Salten
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