Therese Rie-Andro an Arthur Schnitzler, 29. 11. 1912

Wien, d. 29. Nov. 12.

Sehr geehrter Herr,

Sie haben mir vor einigen Monaten einen Brief geschrieben, der mich sehr sehr erfreut hat; dennoch würde ich Ihnen gewiß nicht schreiben, wenn ich nicht unter einem ungeheuer starken künstlerischen Eindruck stünde: es ist der »Professor Bernhardi«, den ich (durch dessen Vorlesung) kennen lernte. Sie werden ja jetzt soviel Schönes drüber hören und lesen, daß ich es wol kaum wagen kann, Ihnen etwas zu sagen; ich versuch’s auch gar nicht erst. Aber diese in milder Heiterkeit sich lösende Tragödie des aufrechten Menschen, dieser wunderbar in Goethe’sche Stimmung ausklingende Schluß: »Selig wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt« – die gehen mir selbst in diesen trüben ahnungsschweren Kriegszeiten immer noch nach.
Aber noch anderes war es mir und mehr: die Erläuterung längst entschwundener Kindheitserlebnisse, das Emportauchen von damals kaum begriffenen und doch erfaßten Dingen. Mein Vater war Abteilungsvorstand an der Poliklinik, als Ihr Vater (den ich gekannt und geliebt habe) Direktor war. Oft ist er heiß und erregt nach Hause gekommen, hat vor mir, dem kleinen Kinde, auf das niemand achtete, gesprochen. Es war ein Kampf, den die rechtlichen Leute alle dort führten, vornehmlich gegen Einen führten, der, glaube ich, leider Vize-Direktor war. Ich weiß, daß Ihr Stück nicht an Geschehnisse anknüpft, aber an innere Erlebnisse, an Stimmungen, die damals in der Luft gelegen haben müßen und ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie es mich durchschauert hat, als ich diese Atmosphäre emportauchen fühlte, in der mein Vater (er starb 1890, als ich noch ein Kind war) gelebt hat, mitgekämpft und mitgelitten hat. Obgleich er in Ihrem Stück nicht »vorkommt« (um den banalen Ausdruck der Leute zu gebrauchen, die dem dichterischen Schaffen ganz ferne stehen) war es mir einen Augenblick, als wäre mir etwas von ihm, an dem ich mit meiner ganzen Kinderleidenschaft hing, zurückgekehrt: so sehr hat Ihr Stück das Schicksal des Arztes ins Typische erhöht, stilisiert. Und darum müßen Sie begreifen, wie sehr ergriffen ich von Ihrem Stück war, wie ich es mit der ganz tiefen Dankbarkeit in mich aufgenommen habe, als sei mir ein unbekanntes Stück meines eigenen Lebens gedeutet worden. Und deshalb sind Sie mir, verehrter Herr Doctor, auch nicht böse, wenn ich – ungerufen, und still wieder gehend – komme, um Ihnen das zu sagen!
L. Andro.
    Erwähnte Personen: Therese RieArthur SchnitzlerFerdinand OnnoJohann Wolfgang von GoetheMaximilian HerzJohann SchnitzlerJulius von HocheneggErwähnte Werke: Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi. Komödie in fünf Akten (1912) – Johann Wolfgang von Goethe: An den Mond (1778) — Erwähnte Orte: WienBerlinErwähnte Institutionen: Allgemeine Poliklinik

    Vorlesung] In Wien wurde am 28. 11. 1912 – dem Tag der Berliner Uraufführung – eine Lesung durch Ferdinand Onno veranstaltet. Gelesen wurden der 1. Akt, das Gespräch von Bernhardi und Flint im 2. Akt, der 3. Akt, das Gespräch von Bernhardi und dem Pfarrer im 4. Akt und der 5. Akt. Um die Lücken zu überbrücken, schrieb Schnitzler kurze Verbindungstexte, die im Nachlass als Durchschläge erhalten sind (Cambridge, A 117,2, freundliche Auskunft von Judith Beniston).

    Einen] Sie könnte Julius Hochenegg meinen, den Schnitzler als Vorlage für die Figur des Professor Ebenwald verwendet hat (vgl. A. S.: Tagebuch, 23. 10. 1922).