Robert Adam an Arthur Schnitzler, 30. 12. 1927



*Wien, am 30. Dezember 1927

Hochverehrter Herr Doktor!

Wenn ich es unternehme, Ihnen für die Überſendung Ihres Buches der Sprüche und Bedenken meinen Dank zu ſagen, ſo verführt mich die alteingefleiſchte Gewohnheit meines Berufes, dem nicht leicht etwas ohne Begründung entſchlüpft, dazu, meinen Dank nicht etwa bloß zu äußern, sondern auch zu begründen. Will ich aber Sätze einer Begründung formen, ſo iſt es mir, als müßte ich einen unüberſehbaren Tatbeſtand in wenige Worte zuſammenfaſſen und leichthin erledigen. Ein Einzelbild mag man nach einmaliger längerer Betrachtung *kühn beurteilen; um aber zu einer Bilderſammlung, die viele Säle füllt, klare Stellung zu nehmen, bedarf’s wiederholter Begehung und vergleichenden Hin- und Herwandelns. Und Ihr Buch iſt eine in klarer Systematik zuſammengefaßte Aneinanderreihung der weſentlichen Ergebniſſe eines langen und reichen Dichterlebens, dem nichts Menſchenerhebliches fremd blieb, der Abriß Ihrer Lebensphiloſophie, und zwiſchen den Abſchnitten Ihrer Aphorismen eröffnen sich Ausblicke, verlockend zu verbindender Gedankenarbeit. Wenn der Aphorismus, der in der Literatur das iſt, was die Bleiſtiftſkizze in der bildenden Kunſt, die redlichſte Art des Schrifttums iſt, weil er entgegen allen andern Arten, vom lyriſchen Gedicht bis zum philoſophiſchen Wälzer, keiner Lüge und keiner Maske Raum läßt gibt, *da ſich alles poſieren läßt, Gefühl wie Erlebnis, Gründlichkeit wie Gewalt, nur nicht der Gedanke ſelbſt und ſeine Form, und nirgends wie bei ihm jeder kleine Satz den ganzen Autor zeigt: wie verehrungs- und liebenswürdig erſcheint der Autor dieser Sprüche und Aphorismen, wie lebt ſeine uns aus unſerer Jugend schon vertraute Erſcheinung in jedem dieſer klaren Worte! Welche Erlebtheit, welche Liebe zur Wahrheit und zur Form, welche Herrſchaft des Geiſtes und über alles Geiſtige ſpricht aus jedem Spruch!
Ich muß mich mit dieser Begründung beſcheiden und mit einer Wiederholung meines Dankes, der mir Gelegenheit gibt, Ihnen, hochverehrter Herr Doktor, zur Jahreswende alles Freudige zu wünſchen!
Mit den besten Empfehlungen und *dem Ausdruck meiner tiefen Ergebenheit
Ihr
DrRAdam
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