Felix Braun an Arthur Schnitzler, 13. 5. 1922



*Wien, den 13. V. 1922

Verehrter Herr Doktor!

Geſtatten Sie auch mir, Ihnen zu Ihrem sechzigſten Geburtstag einen herzlichen Gruß und Glückwunſch zu ſagen. Solche Tage haben ihren ſchönen Sinn darin, aus den ſonſt leider ſo verſchloſſenen Seelen der Menſchen hervorzuholen, was ſie aus Scheu, aus Trägheit, aus irgendwelchen Gebundenheiten lieber bei ſich behalten als kundgeben. Wie wenig wird dem Dichter doch zuteil, was er ſo ſehr nötig hat: die Verſicherung, daß ſeine Gaben empfangen, beherzigt, wirkſam geworden ſind. Dazu bedarf es der Gedenktage, die freilich allzu ſehr aufhäufen, was, weiſe verteilt, das ſchwere, harte Leben freudenreicher gemacht hätte. Nun, wir wollen uns deſſen darum nicht minder freuen.
*Dem Dichter ſo vieler bedeutender, richtunggebender und ſchöner Werke muß nicht erſt geſagt werden, wer er iſt. Er weiß es ſelbſt und – wünſchen wirs! – würdigt den eignen Genius auch, der ihn ſo und nicht anders gebildet und geſtaltet hat. Die Fülle des Geſpendeten wird jetzt überſehen, die Ausleſe daraus reich genug getroffen werden können. Soviel iſt gewiß: daß die ſpätere Generation an das Maß Ihrer meiſterlichen Schöpfungen nicht im Entfernteſten herangereicht hat, daß überhaupt das ſtrenge Künſtlertum des Aufbaus und der Geſtalt von keinem der Nachſtrebenden eingehalten worden iſt. Möchte Sie dies Bewußtſein, verehrter Herr Doktor, mit Freude erfüllen und zu weiterer Dichtung und Arbeit drängen!
Ich wünſche vor allem: Geſundheit und Lebensfreude, die ja doch die Grundlagen aller unſerer Kräfte ſind. Wenn dieſer freudige *Tag die letztere nur recht befeſtigte, ſo wäre er ſchon darum zu loben; die erſtere wird hoffentlich der Arzt in Ihnen nicht minder künſtleriſch als ein Werk zu erhalten und zu fördern wiſſen. Zum Dritten endlich wünſche ich, es möchte Ihnen vergönnt ſein, immer Schöneres hervorzubringen – dieſer Wunſch wird Ihnen wohl der liebſte ſein, dem jedenfalls werden Sie nicht entgegen wirken mögen. In einem Augenblick wie dieſem brauchen wir die Dichter – die nämlich, die es wirklich ſind – mehr als je. Wenn nur ſie es nicht überdrüſſig ſindwerden, den immer tauben Ohren und immer blinden Augen zu geben!
Herzlichſt grüßend verbleibe ich in Verehrung ſtets Ihr ergebener
Felix Braun
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    ihren] Braun schreibt fälschlich: »Ihren«.