Hugo Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 2. 11. 1919



*Bad Aussee 2 XI 19

mein lieber Arthur

Sie haben mir vor mehr als einem Monat einen ſo lieben ſchönen Brief hierher geſchrieben – ich dank Ihnen vielmals dafür.Über unſere Vorleſungen denk ich ſo wie Sie: ſie ſind mir auch als Feſte ganz beſonderer Art in der Erinnerung, und am ſtärkſten und beſonderſten von allen die des »Märchens« in Richards verhängter u. nach Naphtalin riechender Wohnung in der Gärtnergaſſe – aber auch manche Andere, ſo ein Abend wo Sie mir ganz allein – oder mir und Schwarzkopf – in der Wohnung, die Sie vor dieſer jetzigen zuletzt bewohnten – die Geſchichte des Freiherrn von Leisenbogh vorlaſen, die ich ſo beſonders liebe.
Wenn *ich das Geſellſchaftsluſtſpiel fertig habe, an dem ich immer noch im Einzelnen herumbeſſere, ſo freue ich mich recht ſehr, es Ihnen, ſei es Ihnen allein oder mit noch ein paar Menſchen, zu leſen. Vielleicht hätte ich die Geſellſchaft, die es darſtellt, die Oeſterreichiſche arſtr ariſtokratiſche Geſellſchaft, nie mit ſo viel Liebe in ihrem charme und ihrer Qualität darſtellen können als in dem hiſtoriſchen Augenblick wo ſie, die bis vor kurzem eine Gegebenheit, ja eine Macht war, ſich leiſe u. geiſterhaft ins Nichts auflöst, wie *ein übriggebliebenes Nebelwölkchen am Morgen.
Inzwiſchen iſt das Märchen von der Frau ohne Schatten zu Ihnen gewandert, und, hoffentlich, ſeit langem in Ihren Händen.
Ich habe, in faſt ſieben Jahren, unſäglich viel Mühe an dieſe kleine Arbeit gewandt – hoffentlich merkt man ihr dies nicht an. Wenn ſie Ihnen und Olga ein bischen Vergnügen gemacht hat, ſo ſchreiben Sie mir ein paar Zeilen darüber – weſſen Beifall ſollte man denn wünſchen u. ſuchen, als der paar Menſchen mit *denen und durch die man das Leben gelebt hat.
Adieu, Arthur.Im Vorübergehen möcht ich Sie auf ein ſehr kluges, zu vielem Denken anregendes Buch aufmerkſam machen, das mir dieſe letzten etwas unproductiveren Föhntage ſehr bereichert hat: Keyserlings Reiſetagebuch eines Philoſophen.
Ihr
Hugo
PS. Iſt es denn richtig daſs ein abſurdes Geſetz einem Händler der Brahms ganzen Briefwechſel gekauft hat, jetzt das Recht gibt, unſere ſo ganz vertraulichen Briefe an den Todten, ob wir wollen oder nicht, zu publicieren?
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    die des »Märchens«] am 25. 6. 1891

    Gärtnergasse] Vermutlich eine Verwechslung, er dürfte eine Parallelstraße meinen, die Seidlgasse.

    ein Abend] Am 11. 4. 1904, in Anwesenheit von Schwarzkopf.

    Wenn] Absatztrennmarkierung nachträglich mit Bleistift eingefügt.