Robert Adam an Arthur Schnitzler, 19. 6. 1917



*Wien, am 19. Juni 1917.

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Glückwunſch. Die Verſetzung von Floridsdorf zum Bezirksgericht Joſefſtadt empfand und empfinde ich noch als eine Befreiung aus dem unleidlichſten Zuſtande, dem Zwang zur Zeitvergeudung. Denn mochte ich mich auch bemühen, die endloſen täglichen Tramwayfahrten zu irgendeinem Studium auszunützen, es gelang höchſtens bei der Morgenfahrt, während mir die Rückreiſe, die ich ermüdet und hungrig zurücklegen mußte, nur gerade noch eine Zeitungslektüre *verſtattete. Auch die Amtsbeſchäftigung – die Säuberung einer von meinem verſtorbenen Vorgänger arg verwahrloſten außerſtreitigen Abteilung – bot nur wenig Befriedigung.
Durch die Verſetzung bin ich allerdings wieder, und zwar aller Wahrſcheinlichkeit nach auf längere Zeit, in die Nachrichtertätigkeit zurückgeworfen; da ich aber nur in Preistreibereiſachen zu judizieren habe, bleibt mir das Peinliche fern, das in jeder andern Nachjudikatur in Zeiten allgemeiner Not liegt. Ich brauche nicht Leute zu verurteilen, deren Vergehen durch die Hungersnot kauſal begründet iſt, ſondern habe vor allem gegen ſolche einzuſchreiten, deren Vergehen *eben die Mitverurſachung der Hungersnot bildet. Und ſo arbeite ich ohne böſes Gewiſſen.
Auch literariſch bin ich nicht ganz untätig. Von einer ſeltſamen Urchriſtenkomödie (oder Tragödie?) habe ich faſt drei Akte im Rohen fertig entworfen und hoffe, die reſtlichen zwei Akte, die mir beſonders am Herzen liegen, während des Urlaubs zu Papier zu bringen. Diesen trete ich Ende Juni an und will ihn zur Hälfte bei Frau und Kind verbringen, die ich günſtigerer Ernährungsverhältniſſe wegen in meinem früheren Dienſtorte, in Ziſtersdorf, angesiedelt habe; während der reſtlichen Zeit gedenke ich mit Dr Beer irgendwo in Steiermark, bewaffnet mit einer Salami, das dazu gehörige tägliche *Brot zu ſuchen.
Da ich nicht weiß, wann Sie, hochverehrter Herr Doktor, nach Wien zurückkehren – das herrliche Wetter dürfte Ihre Rückkehr wohl verzögern –, will ich im Laufe der nächſten Woche bei Ihnen anklopfen, auf die Gefahr hin, Sie nicht anzutreffen.
Indem ich ſchließlich den Rückerhalt des Dumas mit beſtem Dank beſtätige, verbleibe ich mit beſten Grüßen und Empfehlungen Ihr
ſehr ergebener
Robert Adam
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