Robert Adam an Arthur Schnitzler, 16. 7. 1915



*Ziſtersdorf, 16. Juli 1915

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief und beſtätige die Rückſendung des Manuſkripts.
Das Urteil, das Sie über meine Gaunerkomödie gefällt haben, hat mich einigermaßen betrübt, weil ich an dieſer Arbeit, weshalb weiß ich eigentlich ſelbſt nicht mehr, immer mit einer gewiſſen Affenliebe hing. Beruhte ſie im Grunde vielleicht auf Schadenfreude darüber, daß jene Kumpane, die mir manche ſaure Arbeitsſtunde und viel bitteren Ärger gekoſtet haben, ſich meiner Laune fügen mußten? oder bloß aus Luſt daran, daß ich die Erinnerung an alle dieſe Quälgeiſter durch ihre Verarbeitung losgeworden bin?
Sie ſehen, daß es gewiß keine künſtleriſchen Gründe ſind, die ich zur Erklärung meiner Vorliebe heranziehe; und ſo muß ich auch, wenn *ich mich – gewiß etwas verſpätet – zu objektiver Selbſtkritik aufraffe, ganz einfach offen zugeben, daß ich gegen Ihren Urteilsſpruch keine rechten Berufungsgründe aufzutreiben weiß. Daß ich mir mit dieſer Komödie nicht die Tiefe Berührendes, ſondern wohl nur Ärger von der Seele geſchrieben habe, habe ich bereits angedeutet, und zum Schreiben ſelbſt zwang mich nicht, wie bei andern Arbeiten, die ich ernſt nahm, die Macht einer Idee, die Ausdruck finden will und muß, ſondern lockte mich die Durchführung einer Pointe. Der Pointe geſellte ſich allerdings eine kleine Idee, aber beide waren ſich fremd, und ſo kam es zwiſchen ihnen zu einer mißhelligen Ehe.
Und jetzt erſt, da mir Ihre Kritik die Komödie ſo gezeigt hat, wie ſie ſich, ohne meine Vorliebe für sie geſehen, darstellte, weiß ich wieder etwas, was mich die – wie geſagt, ſchwer zu begründende – Freude über die vollendete Arbeit vergeſſen ließ: Daß die Hauptveranlaſſung zur Niederſchrift der Komödie eigentlich die ſehr lebhafte Sehnſucht war, endlich einmal etwas zu ſchreiben, was theatermöglich wäre und das große Publikum anzöge. Ich hielt mich einmal an den zweiten Teil meines Wahlſpruchs (der zu den wenigen meiner gedruckten opera gehört):
Aber ich geſtehe ein, daß mir jetzt, da mir etwas urſprünglich »Hingeſchmiſſenes« ſelbſt den guten richtigen Geſchmack verderben und meine – nicht immer verſagende – Fähigkeit der Selbſtkritik geſchmälert hat, die Gefährlichkeit dieſer zweiten Wahlſpruchhälfte ſehr klar geworden iſt. –
Möge dieſe reumütige Beichte Ihnen genügen, hochverehrter Herr Doktor! –
Ich habe mich nun wieder in meine »Rechtsphiloſophie« eingeſponnen, deren erſter Teil – es wird ein Buch von über 200 Seiten werden – endlich der Fertigſtellung entgegengeht. Bin ich erſt dieſe Laſt halbwegs los, dann will ich mich an die Ausführung eines Komödienplanes machen, und ich hoffe, daß ich damit ſeinerzeit die von der »Geſellſchaft« geſchlagene Scharte auswetzen kann.
Mit den ergebenſten Grüßen Ihr
dankbarer
Robert Adam
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar

    aus] Er schreibt: »auf«.

    gedruckten opera] Robert Adam: Sprüche. In: Die Fackel, Jg. 9, H. 246/247, 12. 3. 1908, S. 25–26, hier: S. 26.