Georg Engländer an Arthur Schnitzler, 18. 4. 1913



*Freitag d. 18/IV 1913.

Hochgeehrter Herr!

Vielen innigſten Dank für Ihre ſo liebe Theilnahme an meines Bruders Geſchick. Ich antworte erſt heute, da ich nach geſtern eine erſchöpfende Ausſprache mit dem Primarius des Sanat. Steinhof vor hatte & Ihnen darüber Bericht geben wollte.
Primarius Dr Richter hält Peter für entla*ſungsmöglich; ſo bald ich damit einverſtanden, der Peter hingebracht, iſt er ſofort freigegeben.
Die Schwierigkeit liegt aber wo anders.
Bier dürfte er höchſtens Abends ein kleines Glas trinken, eigentlich gar keines, denn seit 10 December 1912 erhielt er keinen Tropfen Alkohol mehr, er iſt in der Anstalt zu Paraldehyd als Schlafmittel gewöhnt *worden, auch daher darf ihm nichts ausgefolgt werden er müßte es unter ſtrenger Aufsicht regelmäßig dosirt erhalten. Sie kennen ja Peter, ſein Freiheitsdrang geht ja nur dahin, ſich Auszutollen, dann, mit was ier, wahllos ſich Schlaf oder Betäubung verſchaffen.
Anders kann er ja in Freiheit wieder nicht leben.
Seine Skizze Nerven-Sanatorium gibt uns ein Bild, wie er es in freieren An*stalten treibt, damals war er in der Sulz; da am Steinhof bin ich sicher daſs kein Unfug, weder mit Alkohol noch mit Schlafmitteln getrieben werden kann & ſein Cerebralzuſtand iſt noch ſo unruhig ſo aufgeregt & unstet, daſs ich erſt da eine Beſſerung & Beruhigung abwarten möchte.
Es wäre denn, daſs thatſächlich eine Garantie, darunter meine ich aber nicht Versprechungen od. Versicherungen Peters, geſchaffen werden *könnte, ſondern wirklich eine Sicherheit, daſs Peter zumindeſt nach 4–6 Wochen wol frei ſei, aber punkto Alkohol & Schlafmittel unter ſtrengſter Aufsicht.
Gewiß wäre dies das Ideal, da ich mich ja nicht darüber täuſche, daſs ſeine Erregung über die ihm vorenthaltene Freiheit, jetzt gewiß auch ungünſtig auf ſeine Nerven einwirkt.
Aber lieber noch dieſer *Nachtheil, als das andere & gewiß größere risico eines neuerlichen Verfalles!
Der financielle Punkt den er Ihnen gegenüber erwähnte, iſt völlig aufgeklärt; von ſeiner Seite ein Versehen, für das er nichts kann. In meiner Rechnungführung fand ich Ihren w. Namen nicht vor & als er mich darum fragte, ſagte ich nein, von Dr Schnitzler *iſt nichts eingelaufen, da ich ja monatlich von S. Fischer ca 100 K zugeſandt erhielt aber nicht wußte daſs dieſe mit dieſer Salung identisch ſeien, was ich ihm alſo Sonntag aufklären werde & Sie hiemit frdl. entſchuldigen wollen.
Peter kann täglich ab 2 Uhr beſucht werden, übrigens auch in den Vormittags-Stunden, die Ärzte dort aber *treffen Sie nur zwiſchen 2 & 4 Uhr an; dem Herrn Primarius Richter habe ich von Ihrem vorausſichtlichen Beſuch u. Rückſprache mit ihm Meldung erſtattet.
Für Ihre wirklich herzlich ſchöne Absicht mitzuhelfen wiederholten innigſten Dank.
von Ihren Sie hochſchätzenden
Ergebenſten
G. Engländer.
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar

    ein Bild] In der Prosaskizze Sanatorium für Nervenkranke (aber nicht die, in denen ich mich befand!) (Simplicissimus, Jg. 16, H. 41, 8. 2. 1912, S. 724) besticht das Alter Ego des Autors einen Wärter, um an Alkohol zu kommen.