Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 30. 7. 1905

Wien 30. 7. 905
lieber Hermann, dein neues Stück hab ich in Reichenau geleſen u [an] Richard abgeſandt. – Es hat mich durchaus intereſſirt, und allerlei menſchliches hat mich tief bewegt – gegen das Stück, d. h. gegen das fünfactige Ge[bi]lde, das von zweitauſend Menschen zugleich angehört u verſtanden werden ſoll, hab ich manches Bedenken. In wenig Worten ausgedrückt: es mangelt dem Ganzen zuweilen an künſtlerischer Oekonomie. Nehmen wir an, du hätteſt mir nur den fünften Act zu leſen gegeben. Da hätt ich gesagt: Donnerwetter, iſt das ein merkwürdigs Ding – und hätte mir allerlei erſte vier Akte dazu gedacht, die vielleicht alle nicht ſo gut geweſen wären als deine oder aber beſſer zum deinem fünften (wie ich ihn empfinde) gepaſſt hätten. Von deinem fünften Akt geht ein Licht aus, das mir nach vorwärts deutet, aber den Herweg im Dunkel läßt. Man darf immer behaupten 2 × 2 = 4 – aber wenn man ſagt: Ergo iſt 2 × 2 = 4, ſo verpflichtet dieſes Ergo zu einer vorhergegangenen Rechnung. Natürlich fühlſt du dieſes Ergo ſehr gut – aber du haſt es mich nicht dramatiſch nachfühlen laſſen. Etwas ähnliches hab ich zum 1. Akt zu bemerken. Besenius. Ich bediene mich Wörter eines Vergleichs (um das Recht zu haben etwas falſches zu behaupten!) Wenn ſich ein Muſiker zum Flügel ſetzt, ſo beginnt er zu praeludiren ([m]anchmal) eh er ſein eigentliches Stück ſpielt. Er deutet die Stiung u die Harmonie des Stückes, – vielleicht auch nur ſeine eigne Laune an. Deine Besenius-Scene ist ſolch ein Praeludiren, das du ſchon als Beginn des wirklichen Stückes ausgibſt. Man glaubt dir lang  .  .  1, 2, 3, 4 Akte hindurch – denn, wenn Dein Besenius noch einmal aufträte, behielteſt du vielleicht recht. Damit daſs ſeine Ideen ſozusagen wieder erſcheinen, iſt nichts gethan: hier war ein Menſch, der innerhalb der Oekonomie des ganzen zu mehr beſtit ſchien, als einige ſchöne Dinge auszuſprechen, und er [giebt] ſich ſchminkt ſich nach der erſten Scene ab. Das verzeihſt mir du ſo wenig wie die bekannte ungeladene Flinte.
Daſs Amschel iſt wie er iſt, das iſt dein Wille und dein gutes Recht. Ich glaub an ihn. Ob man ihn, aus rein praktiſchen Gründen, nicht von einigen Widrigkeiten befreien ſollte, iſt wäre zu überlegen. Wäre ich eine große Violinvirtuoſin, nicht um die Welt ließ ich mich von einem K[er]l anrühren, der öfter als 6 Mal in der Minute Schnudelchen ſagt. Aber das iſt ja Geschmackſache. Wie oft aber ſtört uns an einer Frau nur der Gedanke an den der sie beseſſen hat. Und iſt das Publikum nicht gerade so!? Das Problem (»Die andere«) wird nicht im geringſten touchirt, wenn Amschel ein wenig umgänglicher erſcheint. Die ganze Stiung des letzten Aktes iſt höchſt ſeltſam, beſonders merkwürdg die 2 neuen Personen – wie Lida in die Umgebung geräth, iſt mir nicht ſehr klar geworden, das ihr Hierſein hat was melodramatiſches wenn auch ringsum alles in[s] Groteſkphantaſtiſche geht. Die Sterbeſcene, die zwei Männer bei ihr – das iſt kühn. Kühn gewiſs. Ob es noch mehr iſt, weiſs ich heute nicht. Von mittheilender Qual die Scene zwiſchen Heinrich und der Frau v Jello im 4. Akt. Wenn ich heute an das Stück denke, das ich vor 8 Tagen geleſen, ſo iſt es mir wie die Erinnerung an zuckende menſchliche Herzen.
Ich hoffe es geht dir gut. Von mir hörſt du bald mehr. Meine Frau, die das Stück auch mit tiefſter Antheilnahme geleſen, grüßt dich vielmals
Von Herzen dein
Arthur

bekannte ungeladene Flinte] Čechov an Aleksandr Lazarev, 1. 11. 1889: »Man kann nicht ein geladenes Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuß daraus abzugeben.« (Anton Čechov: Briefe 1889–1892. Hg. und übersetzt von Peter Urban. Zürich: Diogenes 1998, S. 73).

Schnudelchen] Vgl. Die Andere, 3. Akt.