Joseph Victor Widmann an Arthur Schnitzler, [22.?] 2. 1902

    • Vor’s Portal für Jubelgreise
    • Gängelt Ihr mich lobesam,
    • Da nun meine Lebensreise
    • An die Sechz’ger-Ecke kam.

    • Am Portal giebt’s lust’gen Thorschnack
    • Zeitungsflaggenwimpelei,
    • Künft’ger Nekrologe Vorschmack
    • Und wie lieb ich vielen sei.

    • Aber diese Zeitungsflaggen,
    • Die mir heute freundlich wehn,
    • Haben doch den Schalk im Nacken
    • Und ich kann sie gut verstehn.

    • Was mir manchmal schon als Ahnung
    • Leise durch die Seele glitt,
    • Wird zur öffentlichen Mahnung:
    • »Du bist alt! Thu nicht mehr mit!

    • »Wie’s mit Winterstrahlenschrägheit
    • »Jetzt die Alterssonne meint,
    • »Fass’ es klug: Erlaubt ist Trägheit,
    • »Die von nun an Würde scheint.«

    • Hm! Das laß ich mir gefallen,
    • Wenn Ihr’s nicht zu wörtlich nehmt.
    • Und ich sage Dank Euch allen,
    • Die mich heut’ bediademt

    • Oder doch bediaduselt
    • Mit so manchem art’gen Wort.
    • Musen! Jetzt ist ausgemuselt!
    • Alle neune schick’ ich fort.

    • Aber dass aus ihren Haaren
    • bleibt ein holder Duft zurück,
    • Der in neue Schreibgefahren
    • Lockt, in neuer Träume Glück, –

    • Dieses gänzlich zu verhüten,
    • Steht nur schwer in meiner Macht;
    • Sieht man doch auch späte Blüten,
    • Wenn vom Frost der Wald schon kracht.

    • Nehmt sie, wenn sie sprießen sollten,
    • Dann als Dank für Eure Huld.
    • Denn, je mehr ein Mann gegolten,
    • Um so mehr steht er in Schuld.
Bern, am 20. Februar 1902.
J. V. Widmann

    20. Februar 1902] Widmanns sechzigster Geburtstag.