Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 1. 7. 1901

lieber Hermann

es drängt mich, dir zu deinem Collegen Poetzl wärmſtens zu gratuliren. Das ſind einmal mannhafte, echt t[e]utſche Worte! Das Herz geht einem auf, wenn man ſie lieſt. »Es iſt beſſer, das gute zu heucheln als es durch offenkundige Frevel aller Art von der Tagesordnung gänzlich abſetzen.« – »Es iſt immer noch moraliſcher im Geheimen zu ſündigen als auf oeffentlichem Markte mit dem Laſter Arm in Arm zu gehen –« »Die Geſatheit darf die Tugend nicht verachten, ſondern muſs ſie heilig halten und auf ihren Schild erheben« –
– So ehrlich iſt die Heuchelei ſelten geweſen!
Leb wohl und ſei herzlich gegrüßt.
Dein
Arth Sch
St Anton 1. 7. 109.

teutsche Worte] Ed. Pötzl: Lüsternheit. (Predigt in der Wüste). In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 35, Nr. 176, 29. 6. 1901, S. 1–2, ist eine schon im Titel erkennbare Replik auf Bahrs Erotisch.