Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 1. 6. 1899



*Herrn Dr Richard Beer-Hofmann

*1. 6. 99.
Mein lieber Richard,
die Rieſenkarte hab ich bekoen und danke für den lieben Frozelgruſs. – Hier iſt es traurig – immer trauriger – Frühling und einſam – und ich weiſs nicht was ich mit mir beginnen ſoll –
Jetzt eben, Feiertag, Nachmittg, ſehr ſchön – und der Abend vor mir – und nebſtbei das »ganze« Leben – vollkoen *überflüſſig. –
Neulich war ich mit Hugo Kampthal und Wachau, die Abende auf dem Land ſind ſchauerlich – was da alles in der Luft ſchwebt – da verſtummen die Worte und verſiegen die Thränen. Ich habe Angſt vor dem Sommer, beſonders vor den Abenden, vor den Abenden am See –
– Zuckungen, als we ich *arbeiten wollte hab ich ſchon zuweilen, aber weiter noch nichts. Vorläufig ſteht es noch immer ſo, daſs nur der eine Gedanke mildert – nun, Sie wiſſen ja.
Nebstbei, ganz nebſtbei bringt mich auch das Ohrenſauſen langſam um – es iſt wahrhaft gräßlich, nicht eine Sekunde Ruhe zu haben und jeden Tag ein wenig nur *ein ganz klein wenig ſchlechter zu hören. –
Sie wiſſen ſchon, dſs der Direktor Schleſinger geſtern geſtorben ist. Morgen vor 14 Tagen waren Hugo und ich mit ihm auf der Rohrerhütte zuſammen; er war heiſer und ſonſt »ganz geſund«. –
Geſtern war auch das »Vermächtnis«. Kein gutes Klima, unſre Stücke. – Zweimal war ich *in Kaltenleutgeben, bei Brahm. Er iſt ein nahezu wohlthuender Menſch. –
Samſtag beim »Richter von Zalamea«. Baumeiſter unbeſchreiblich. Und das Stück! Hugo findet, daſs Sie noch am eheſten ſo eins ſchreiben könnten (er meint, unter »uns«, alſo: Sie, er, ich, Leo Hirſchfeld, Oskar Friedmann, Karlweis) – ich hoffe *Sie laſſen ihn nicht in dem Glauben, – ſondern ſchreiben wirklich ein Stück.
Hören Sie: Ein jüdiſcher Selcher will im Soer einmal auf ein paar Augenblicke ſein Local verlaſſen – die Thür iſt offen, wie er hinaustritt – liegt ein großer Hund da. Der Selcher denkt: Mach ich jetzt die Thür zu, ſo merkt doch jenner (der Hund) daſs *ich fort bin und ſpringt ſich durch die Glasſcheiben in mein Geſchäft und friſſt ſich meine Würſtel – ich laſſe doch lieber die Thür offen, werd er glauben, ich bin gar nicht eweg gegangen. –
– Er geht, kot nach einer Weile zurück, der Hund iſt im Geschäft und hat ſich richtig alle Würſtel aufgefreſſen. Der Selcher schüttelt *den Kopf und ſagt: »A ſo ä Dreh von dem Hund!«
– Schöneres ka ich Ihnen heut nicht mehr ſagenerzählen! –
– Grüß Sie Gott. Schreiben Sie mir bald.
Ihr
Arthur
    Bildrechte © Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale

    Riesenkarte] Die Karte vom 29. 5. 1899 ist größer als eine normale Postkarte.

    Frozelgruss] frotzeln, umgangssprachlich für: necken

    Feiertag] Fronleichnam

    Neulich] siehe A. S.: Tagebuch, 28. 5. 1899

    Morgen vor 14 Tagen] siehe A. S.: Tagebuch, 19. 5. 1899

    Gestern war auch das »Vermächtnis«] Es stand am Burgtheater noch immer am Spielplan.

    Zweimal] am 25. 5. 1899 und am 30. 5. 1899

    Samstag] vgl. A. S.: Tagebuch, 27. 5. 1899