Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 1[4?]. 11. 1897

Lieber Hermann, deine Anſicht betreffs dieſer weitgehenden Rechte des Regiſſeurs und des Vorleſers – nach Belieben zu ſtreichen u zu ändern! – theile ich durchaus nicht. In Hinſicht auf »Regiſſeur« und auf »ſtreichen« könnte man ja manches zugeben; beim Theater handelt es ſich nicht nur um einen Abend und das Mislingen des erſten ka natürlich die ſchwerſten Folgen haben. Auch verſteht der Regiſſeur manchmal beſſer als der Autor, was des letztern Vortheil iſt. Der Vorleſer hat dieſe Entſchuldigungen nicht für ſich. Er hat einfach die Pflicht, die Dinge ſo zu leſen wie ſie geſchrieben ſind. Ich will ihm noch etwas zugeſtehn: findet er das betreffende Werk zu lang und iſt der Autor unerreichbar für ihn – z. B. dadurch daſs er geſtorben iſt oder irgend einen andern Ausflug in beſondere Fernen gemacht hat, – ſo mag er kürzen. Ka er aber den Autor finden, ſo überlaſſe er ihm die Kürzungen oder lege ihm mindeſtens die ſeinigen (die des Vorleſers) vor. Aenderungen ſind abſolut unſtatthaft, we ſie nicht vom Autor ſelbſt oder mit Zuſtiung des Autors gemacht ſind, wobei noch zu bedenken iſt, dſs auch gewiſſe Streichungen in ihrem Effekt nur dem Sinne nach als Aenderun[gen] zu gelten haben. Würdeſt du beiſpielſweise, um etwas naheliegendes zu citiren, den Schluſs von »Die Todten ſchweigen« ſtreichen, ſo würdest du auch aendern. – Wohin käme man alſo, we deine Idee über die Souveränität des Vorleſers zu Recht beſtände!
– In meiner Nov. die du vorleſen willſt, bitte ich dich zwei Lapsus’ zu corrigiren: Auf der vierten Seite, Zeile 22 iſt der Satz zu ſtreichen: »Die Scheiben klirren nur ſo ſtark, weil der Sturm –« (der Wagen ist nemlich offen, hat keine Scheiben, die aus einer früheren fFaſſung ſtehen geblieben ſind.) Auf der 16. Seite, Zeile 14, ſteht einmal Wohnzierthür ſtatt »Wohnungsthür«. –
– Daſs ich nicht dabei ſein kann, wenn Du die Geſchichte lieſt, bedaure ich wirklich. Du wirſt ſie gewiſs zu ſtarker Wirkung bringen.
Herzlichen Gruſs, dein
ArthSch
Wien, 14. 11. 97

zwei Lapsus’ zu corrigiren] Beide sind in der Erstausgabe Die Frau des Weisen (1898) behoben.

früheren fFassung] Diese Fassung findet sich in A. S.: Die Toten schweigen. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. Martin Anton Müller, Mitarbeit von Ingo Börner, Anna Lindner und Isabella Schwentner. Berlin, Boston: de Gruyter 2015 (Werke in historisch-kritischen Ausgaben, hg. Konstanze Fliedl), H 24,5–6 und H 100,4.

14. 11.] Bislang wurde der Brief auf den 18. 11. 1897 datiert. Das diesbezügliche Zeichen setzt sich aus einem geschwungenen Teil, bei dem die Tinte zerronnen ist, und einem leicht schrägen Strich zusammen. Mehrere inhaltliche Gründe sprechen gegen die Lesart »18«, vor allem die (nicht thematisierte) lange Dauer der Antwort, obwohl Schnitzler sich – ohne besondere Vorkommnisse – in Wien aufhält, und dass Bahrs schreiben vom 16. 11. 1897 übergangen wird.