Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 26. 4. 1897



*rue de Maubeuge
Paris. 276. 4. 97.
Mein lieber Hugo. Seien Sie mir herzlich gegrüßt. Ich lebe im Ierſten der Stadt, wie ich in Wien um keinen Preis leben möchte; an der Kreuzung vieler Straßen, mitten im Lärm der Geſchäfte u des Verkehrs. Der Zufall hat es gefügt, daſs ich gerade hier die Wohnung gefunden habe, wie ich ſie brauche, und günſtige Verbindungen von Goldmann haben ſie mir verſchafft. Ich ſage mir, obwohl das nicht ganz richtig iſt. Aber ich habe mein Zier allein u ſo viel Freiheit, als unter den bekannten Umſtänden möglich iſt. Manchmal möcht ich wohl lieber ganz allein ſein; aber vielleicht iſt *es nur die Sehnſucht nach der ich mich ſehne. Ich bin nemlich bisher wirklich noch nie von Wien fortgeweſen, ohne dort irgendwen zurück zu laſſen, um den ich mehr oder weniger »zittern« mußte; das geht mir vielleicht ab. Im ganzen aber fühl ich mich, wie Sie ſagen würden »eher« wohl; insbeſondere tritt das ſonderbare ein, was ſich ier beinah einſtellt, we ich auf Reiſen, beſſer: we ich nicht daheim bin; ich bin beinah gänzlich erlöſt von den Bangigkeiten und Hypochondrien, die mir das Leben zu Hauſe oft ſo heftig ſtören. Aber auch daſs ich gerade hier bin, freut mich. Es iſt mir oft, als we ich hier lieber leben möchte als in Wien; aber das iſt wahrſchein*lich ein Irrtum. Von allem, was ich hier ſchon geſehn, möchte ich Ihnen lieber erſt in Wien erzählen; denn ich frage mich vergeblich, was ich herausſuchen ſollte. Das ſchönſte hat mir bisher die Schauſpielerei geboten; es iſt einfach was andres als die Deutſchen haben; nicht immer was beſſres vielleicht – aber dem Weſen der Stücke, die ſie ſpielen, wunderbar verwandt, was ja ſchließlich doch das wichtigſte iſt. Dramen ſcheinen sie ja hier (wo denn???) auch nicht mehr zu ſchreiben; ich habe loi de l’homme, (Hervieu); Douloureuse (Donnay), – Carrière (Hermant); – Snob (Guiche) – geſehen – es iſt ein vollkoener Sieg des Feuilletons auf dem Theater. Ich habe *wohl auch ein bischen das Gefühl des »Menſchenfreunds« aus dem Raimund’ſchen Märchen gehabt, – aber können wir wirklichen Menſchen uns auch »beſſern«? Mit Bewußtſein entwickeln – das müßte wohl möglich ſein! –
– Sagen Sie mir ein Wort, wie es Ihnen und andren Leuten, von denen Sie gerade erzählen wollen (was mir jedenfalls erwünſcht wäre) geht. – Ich werde Ende Mai, ſpäteſtens Anfang Juni wieder in Wien ſein. Das Wetter iſt nicht ſchön; noch ke ich eigentlich den Parier Frühling nicht.
Grüßen Sie alle, die wir beide gern haben.
Herzlich grüßt Sie Ihr
Arthur.
Auch Ihren Eltern, bitte, empfehlen Sie mich freundlich.
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