Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, [16. 1. 1897]



*hvH
Samstag.

mein lieber Arthur

ich ſehe Sie, glaub ich, weder heute im Café noch morgen bei L. und möchte Ihnen doch ſagen, daſs die »Frau des Weiſen« eine ſehr ſchöne Novelle iſt. Ich war von der Führung des Schluſſes überraſcht wie von einer völlig unerwarteten und *doch unendlich einfachen naheliegenden Löſung einer Rechenaufgabe, das was man in der Mathematik eine »ſchöne Löſung« nennt. Auch iſt alles Äußerliche, das den Fortgang der Handlung unterſtützt, wunderſchön ſparſam und durchſichtig. Man ſieht die Landſchaft nicht, man glaubt ſich in ihr zu bewegend, und *fühlt unmittelbar ihre Wirkung auf’s Gemüth der handelnden Perſonen.
Ich bin ſchläfrig, und kann mich nicht gut ausdrücken. Sie waren übrigens in den letzten Tagen beſonders lieb und nett gegen mich.
Herzlich Ihr
Hugo.
    Bildrechte © University Library, Cambridge

    hvH] gedrucktes Monogramm mit Krone in blauer Farbe

    Samstag] Am Samstag, 16. 1. 1897 erschien der dritte und letzte Teil des Erstdrucks von Die Frau des Weisen. Erzählung in der Wochenschrift Die Zeit (Bd. 10, Nr. 118, 2. 1. 1897, S. 15–16; Nr. 119, 9. 1. 1897, S. 31–32; Nr. 120, 16. 1. 1897, S. 47–48).

    morgen] Am 17. 1. 1897 ist Hofmannsthal bei Louis und Regina Loeb (Hugo von Hofmannsthal: Aufzeichnungen. Hg. Rudolf Hirsch † und Ellen Ritter † in Zusammenarbeit mit Konrad Heumann und Peter Michael Braunwarth. Frankfurt am Main: S. Fischer 2013, S. 378 (Sämtliche Werke, XXXIX)).