Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 7. 8. 1896



*Skodsborg, 7. 8. 96
Lieber Hugo, ſeit Sotag bin ich mit Richard (und Paula) zuſaen; ſeit vorgeſtern iſt auch Paul Goldmann da, und wir ſind in einem angenehmen Hotel, am Meer, hinter den Häuſern gleich ein wunderſchöner Wald mit Buchen und Tannen, im Wald kleine faſt verſteckte Teiche, und we man eine halbe Stunde weiter läuftgeht, das freundliche Thal mit lieben kleinen Häuſern und Ortenſchaften (wo wir aber noch nie geweſen ſind). Heute Vormittag ſind wir nach einer kleinen ſchwe*diſchen Inſel hinübergeſegelt, wo nicht viele Menſchen wohnen, ſind in dem netten Haus des Leuchtthurmwächters geweſen, und wie wir von dem niedern Thurm herunterſtiegen, fanden wir im Wohnzimmer ein leiſes Harmonium, eine freundliche Hausfrau und eineim Vorzimmer saſs die vierzehnjährige Tochter des Hauſes, regungslos in einer Ecke des Divans, ſah uns mit prachtvollen braunen Augen an, *ſtrickte und hatte nur einen Schuh an. Dafür war der andere Strumpf an den Zehen zerriſſen. Das war die junge Dame von Hven .  .  DIm Zurückfahren gab es ſo hohe Wellen, daſs man die Oſtſee als Meer erkennen durfte; bisher war ſie immer ſo ſtill, daſs man ſich an einem See hätte glauben können. Paula iſt ſogar ſeekrank geweſen. – Wir werden hier wohl alle bis etwa zum 20. Auguſt bleiben. Nachmittags pflege ich zu arbeiten. Vorher bin ich *wenig dazugekoen; nur ein paar Regentage oder -ſtunden auf der Nordcaptour bin ich in meiner Kajüte geſeſſen und habe am 2. Akt allerlei verſucht. Immerhin ſcheint’s mir, als we ich theilweiſe in den Intentionen Ihres Briefs, den ich in Trondjhem bei meiner Rückkehr gefunden habe, verfahren wäre; denn vor allem hatte ich das Bedürfnis die Scene zwiſchen Ihm und Ihr mit mehr Leben anzufüllen. Ich weiſs noch nicht, ob mir das *und manches andre, das ich am 2. und in den letzten Tagen am 3. Akt gearbeitet habe, gelungen iſt; in ein paar Tagen les’ ich die ganze Sache dem Paul und dem Richard wieder vor. So wie ichs haben will, bring ichs doch wohl nie zuſaen. –
Richard hat mir von Ihrer Novelle erzählt; auch dſs er Ihnen gerathen, Sie drucken zu laſſen. Solange muſs ich wohl warten bis ich ſie zu leſen bekomme. Wohin werden Sie ſie geben? –
Meine Reiſe iſt im ganzen ſehr ſchön geweſen; vielleicht iſt die Zeit nur *etwas zu kurz geweſen, um ſoviel in ſich aufzunehmen.
Auf der See hab ich merkwürdg viel Kopfſchmerzen gehabt. Von Städten hat mir Gothenburg den ſtärkſten Eindruck gemacht; wahrſcheinlich weil ich dort ganz allein (auch nicht mit zufälligen Bekannten von der Reiſe) herumgegangen bin und am tiefſten geſpürt habe: Wie fremd – wie fern – und dann weil ich nur ein paar Stunden dort geweſen bin und bei jedem Haus, jedem Menſchen *wußte – dich ſeh ich zum letzten Mal.
– In Christ. hab ich Ibsen geſprochen, der mehr zuhörte als redete aber ſehr liebenswürdg war; in Kopenhagen ſind wir (Richard u ich) mit Nansen beim Frühſtück geſeſſen, den wir wohl noch ſehen werden. –
– Bis zum 20. treffen mich Nachrichten hier, Badehotel. Es möcht mich freuen, noch zwei Worte von Ihnen zu hören.
Leben Sie wohl! Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr
ArthSch
Skodsborg 7/8 96.
Nach 20. (–25.) Berlin, aber ſchreiben Sie nach Wien.
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