Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 21. [8. 1895]



*Quartier zu Klein Teſſwitz bei Znaim,
Mittwoch 21ten
Es freut mich herzlich, Sie zufrieden zu wiſſen und von guten und geſcheiten Menſchen umgeben zu denken. Unſer Goldmann, der im Journalismus lebt und ſich ſo völlig vor mesquinerie bewahrt hat, und Frau Dr Salomé ſind ganz die Atmoſphäre, worin einem die Vermuthung von der Jugend der Seele glaubhaft wird. Ich bin, in gewiſſem Sinn, mutterſeelenallein, und *doch ſo montiert, daſs ich mich manchmal gewaltſam zwingen muſs, an die Realität zu glauben. Mir iſt, wie einem der in der tiefen ſtillen Kajüte eines Schiffes dem ſchönſten Land langſam zufährt.
Es ſind wundervolle Sommertage. Ich wohne in einem kühlen niedrigen Bauernzimmer, hinter einem großen Birnbaum. Gegenüber iſt ein zehnjähriges Mädel, die doch eine Frau iſt, und ihr eigenes Kind, ihre eigene Mutter iſt. Ich habe den »Faust« mit und die Wanderjahre. Ich weiß von meinem *wirklichen Leben und bin doch unendlich weit davon.
Die friſchen Birnen ſind ganz warm von der gedämpften Sonne, die im Wipfel des Birnbaums iſt. Von der Helena les’ ich dieſen Vers: »Wer ſie verſteht, der darf ſie nicht entbehren!« Heute abend werd ich nach Znaim hineinfahren, wo Muſik von den Deutſchmeiſtern iſt und in der kühlen ſternhellen Nacht zurückfahren, ein biſſel vom weißen Wein montiert, auf einem hohen Wagen, der ſehr *unſicher fährt, mit meinem Rittmeiſter und meinem hübſchen und indolent-graciöſen Lieutenant, die in der Nacht ſehr wenig und ſehr lieb reden werden. Begreifen Sie daſs ich zufrieden bin?
Leben Sie wohl und denken mit Ihren Freunden freundlich an mich. Adieu.
Der Ihre
Hugo.
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    mesquinerie] Knausrigkeit

    Wer sie versteht, der darf sie nicht entbehren!] richtig: »Wer sie erkennt der darf sie nicht entbehren.« (II. Teil, Ende des 1. Akts).