Jakob Julius David an Arthur Schnitzler, 23. 12. 1894

23/12 94.

Werther Herr Doctor!

Ich habe Sterben bis nun zwei mal gelesen, und werde wohl noch darauf zurückkommen. Es ist eine höchst tüchtige und eine wirklich merkwürdige Arbeit; in der Analyse von wirksamster Feinheit und Tiefe. Bewundernswerth ist die Kunst, mit welcher Sie den zeitlich so knappen und doch für die Vorgänge fast zu weitgesteckten Rahmen mit Leben zu erfüllen wißen. Es ist ein vollkommen zielbewußtes Schlendern; was Abschweifung erscheinen könnte, führt nur desto sicherer zum letzten Ende. Manchmal möcht’ ich mir mehr Leidenschaftlichkeit verlangen; besonders am Schluße könnte ein stärkeres Temperament durchbrennen. Aber: Sie haben in dieser Arbeit einen mächtigen Ruck vorwärts gethan und will ich Ihnen sagen, in wie ferne mir Arbeit das Höchste dünkt: im Sinne der Arbeit an sich selbst. Da nun sind Sie tüchtig und ehrlich am Werke und darum rücken Sie vor in schönen Erfolgen und zu einer ersten Stellung, auf die Sie heute schon Anspruch haben.
Es grüßt und begrüßt Sie herzlichst
Ihr
David
    Erwähnte Personen: Jakob Julius DavidArthur SchnitzlerErwähnte Werke: Arthur Schnitzler: Sterben. Novelle (1. 10. 1894–1. 12. 1894) — Erwähnte Orte: Wien