Ferdinand von Saar an Arthur Schnitzler, 13. 12. 1894

Raitz in Mähren, 13t Decbr. 1894.

Sehr geehrter Herr Doctor!

Haben Sie Dank für die freundlich auszeichnende Übersendung Ihrer neuesten Novelle, die ich nunmehr an zwei stillen Abenden gelesen. Bewunderungswürdig ist die Kunst – oder besser gesagt die Wahrheit, mit der Sie die Seelenqualen des hinsterbenden Felix, den allmäligen Loslösungsprozeß der Geliebten schildern. Aber hätten Sie nicht dieses psychologische Duett (oder wenn Sie wollen Terzett) vielstimmiger machen, nicht einige Handlung und Verwicklung dazu erfinden können? Gerade das wollte ich nicht! werden Sie ausrufen. Und dann haben Sie auch recht. Es muß, es darf ja nicht ein Werk wie das andere sein, und da Sie schon so viel Abwechslungsvolles gebracht haben, so wird dieses peinvolle Machtstück in seiner knapp umrahmten Düsterkeit auch den richtigen Platz in der Reihe Ihrer Schriften finden, allwo es seine eigenthümliche Wirkung ganz und voll ausüben kann.
Ich selbst bin jetzt auch beschäftigt – und zwar mit allerlei. Wollen sehen, was dabei herauskommt!
Es grüßt Sie herzlich und mit aufrichtiger Hochschätzung
Ihr
Ferdinand von Saar