Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 5. 10. 1894



*Dr. Arthur Schnitzler, Wien, IX. Frankg. 1.
*Herrn Dr. Richard Beer-Hofmann
a posta ferma

*Wien, 5. Oct 94.

Lieber Bekannter!

Das einzige, was Sie mir von Ihrer italien. Reiſe mittheilen, iſt daſs mein Guercino in Mailand hängt. Das ſteht aber ſchon im »Lübke« – ich muſs Sie alſo, we Sie überhaupt die Abſicht haben, Neuigkeiten aus Italien an mich zu ſchreiben, um sorgfältigere Auswahl bitten. Laſſen Sie ſich nicht etwa einfallen, mir aus Rom zu ſchreiben, daſs dort Julius Caesar ermordet wurde – es ſteht im Ploetz! – Dagegen bin ich gern *bereit, perſönlicheres von Ihnen zu erfahren – haben Sie keine von den Schweſtern Rondoli getroffen? – Beantworten Sie mir auch gütigſt einige Fragen. 1.) Wa koen Sie zurück? 2.) Wie weit werden Sie Ihre Reiſe ausdehnen. 3) Haben Sie was geſchrieben?
Einige Thatſachen: Ludaßy iſt Chefred. der Wr. Allg. Ztg. (mit einem nicht übeln Gehalt) worden. Er rechnet auf das ganze junge Wien; »alſo« auch auf Sie. (Die Gänſefüße ſind 17gradig.) –
Morgen iſt die »Schmetterlingsſchlacht« – ich hab *noch keinen Sitz, was mich geradezu aufregt. –
»Man sagt« iſt durchgefallen. –
Mein Stück (gefährliche Nachbarſchaft der Thatſachen – Sie ſehen, ich bin nicht abergläubiſch, oder erſt recht, oder erſt recht gar nicht, oder gar nicht erſt recht gar nicht – ) ist  .  .  .  hier stock’ ich ſchon — vollendet?  .  .  Nein. Beendet? Nein. Fertig? – Nein. – Ich habe »nur mehr« dran zu feilen. Hab ich Ihnen den Titel ſchon geſchrieben? .  .  »Liebelei«. – Anfangs wird er ihnen wahrſcheinlich nicht *gefallen; aber er iſt gut, – auch praktiſch genoen. –
Ich lese: Rosenkranz, Diderot; – Keller, Musikgeschichte u. a. –
Vorgeleſen wurde mir – ein fünfaktiges Drama in Verſen, in dem aber gewiſs Talent ſteckt; Phryne von Leo Ebermann, der mich aber als Menſch und beſonders als Vorleſer ſehr nervös macht: er poſirt auf guten Sprecher .  .  . 
Phrrryne .  . 
Gawiſs  .  .  du darrrfſt nicht länger lebohn .  .  . 
Meine Gerechtigkeit hat Orgien *gefeiert; eigentlich wollte ich ihm ununterbrochen Ihre Büſte »in’ den Kopfp hereinhaun«. – (Lachen Sie nicht; der Kellner beobachtet Sie. –)
Leben Sie wohl, ſchreiben Sie mir, und ſeien Sie herzlichſt gegrüßt.
Ihr
Arthur
    Bildrechte © Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale

    Schwestern Rondoli] In der Novelle von Maupassant hat die männliche Hauptfigur auf einer Reise eine Liebschaft mit einer Frau, im Folgejahr mit ihrer Schwester.