Peter Altenberg an Arthur Schnitzler, [12. 7. 1894?]



*Lieber Dr. Arthur Schnitzler.

Ihr wunderſchöner Brief hat mich wirklich außerordentlich gefreut. Wie schreibe ich denn?!
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und ſchreibe. Sogar den Titel ſchreibe ich ſo hin und hoffe, es wird ſich ſchon etwas machen, was mit dem Titel in Zuſaenhang ſteht.
Man muß ſich auf ſich verlaſſen, ſich nicht Gewalt anthun, ſich entſetzlich frei ausleben laſſen, hinfliegen –. *Was dabei herauskot, iſt ſicher das was wirklich u. tief in mir war. Kot nichts heraus, ſo war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.
Ich betrachte ſchreiben als eine natürliche organiſche Entlaſtung eines vollen, eines übervollen Menſchen.
Daher alle meine Fehler, Bläſſen. Ich haſſe die Retouche. Schmeiſſ’ es hin und gut–! Ob×der ſchlecht! Was macht das?! Wenn nur du es biſt, Du und kein Anderer, dein heiliges Du! Ihr Wort »Selbſtſucher« iſt wirklich *außerordentlich. Wann werden Sie aber ſchreiben »Selbſtfinder«?!
Freiheit und Meine Sachen haben das Malheur, daß ſie ier für kleine Proben betrachtet werden, während ſie leider bereits das ſind, was ich überhaupt zu leiſten im Stand bin. Aber was macht es?! Ob ich ſchreibe oder nicht, iſt mir gleichgiltig.
Wichtiger iſt, daß ich in einem Kreiſe von feinen gebildeten jungen Leuten zeige, daß f××××× in mir das Fünkchen glimmt. Sonſt kommt man sich ſo gedrückt vor, ſo zudringlich, ſo ſchief angeblinzelt. Ich bin ſo ſchon genug »Invalide des Lebens«.
Ihr Brief hat mich ſehr, ſehr gefreut! *Ich zeigs ohne Sie ſind überhaupt Alle ſo liebenswürdig gegen mich. Jeder iſt wolwollend. Sie haben mir aber wirklich wundervolle Sachen geſagt. Beſonders das Wort »Selbſtſucher« eben.
Ich bitte Sie, man hat keinen Beruf, kein Geld, keine Position u. ſchon ſehr wenig Haare, da iſt ſo eine feine Anerkennung von einem »Wiſſenden« ſehr, ſehr angenehm.
Deshalb bin u. bleibe ich doch nur ein Schreiber von »Muſtern ohne Werth« u. die Waare kot alleweil nicht. Ich bin ſo ein kleiner Handſpiegel, Toiletteſpiegel, kein Weltſpiegel Welten-Spiegel.
Ihr
Richard Engländer.
    Bildrechte © Bayerische Staatsbibliothek, München

    Brief] Altenberg erwähnt das Korrespondenzstück in einem Brief vom 12. 7. 1894 an Annie Holitscher (Die Selbsterfindung eines Dichters, S. 138). An dieser Stelle erwähnt er auch, dass er Schnitzler an eben diesem Tag geantwortet habe.