Karl Kraus an Arthur Schnitzler, 27. 7. 1893



*Herrn Doktor Arthur Schnitzler,
Schriftſteller

*Innigſten Dank, liebſter Doktor, für den lieben Brief! Beifolgend das letzte Magazin, das ich erſt heute bekam; es ſteht eine Nachricht, wie ich eben erſt vor 1 Min. entdeckte, drin, die Sie als von einem in dieſen Mittheil. ſehr competenten Blatte aus gewiss freuen wird. Glückauf! – Hauptmacher der Fr. Bühne iſt ja doch die »Wiener Kunst« – Revolverblatt!!!! Redacteur Brehmer hat ſich ja jezt auf 4 Monate zurückgezogen.
Was ſagen Sie zu dem Proceſſe, der genialen Rede Elbogens von der Hemmung d. Naturalismus (!) i. der Kunſt übhpt. für alle Zeiten durch Verbot der »Geſellſchaft«ſchweinigel.
Einakter geht flott weiter. Heut las ich im B. Börſ.courier circa 40 Zeilen über Abſchiedssouper gelesen? Darf ich, daſs Abschiedss. im Residenz angenommen ist, im Magazin publicieren? 1000 Grüße Ihr
Kraus
Schicken Sie Ihr Drama hin!!
    Bildrechte © University Library, Cambridge

    Nachricht] Diese Karte bezieht sich auf ein Gerichtsverfahren, das am 24. und 25. 7. in Wien wegen sexuell zu expliziter Veröffentlichungen in einer Wochenschrift namens Gesellschaft verhandelt wurde. Dabei wurden Moriz Ehrenfeld, Ferdinand Mautner und Alfred Brehmer zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Verteidigt wurden die letzten beiden von Friedrich Elbogen. Mit Brehmer gibt es dabei eine Überlappung zu einer weiteren Zeitschrift, Wiener Kunst, wobei beide Zeitschriften nicht erhalten sind. Der Konnex, den Kraus herstellt, bezieht sich auf den letzten Absatz seines Theaterbriefs, erschienen am 22. 7. 1893. In Wiener Theater. – Luise Sigert. Auferstanden! (Das Magazin für Litteratur, Jg. 62, Nr. 29, S. 466–467.) endet Kraus mit einer Kritik an der Zeitschrift Wiener Kunst und erwähnt eine geplante Musteraufführung von Die Weber von Gerhart Hauptmann. Die Wiener Freie Bühne, bei der unter anderem auch Robert Hirschfeld und Edmund Wengraf federführend war, sollte nunmehr unter der Führung von dem Verteidiger Elbogen umgesetzt werden. Im nächsten Heft erschien eine ungezeichnete Meldung, die auch von Kraus stammen dürfte und ausführlicher auf das (nicht verwirklichte) Theatervorhaben eingeht ([O. V. = Kraus?:] [Eine Freie Bühne], Nr. 30, S. 484).

    4 Monate zurückgezogen] d. h. er wurde zu vier Monaten Arrest verurteilt ([O. V.]: Vergehen gegen die Sittlichkeit – Schluß. In: Neue Freie Presse, Nr. 10.388, 25. 7. 1893, S. 6).

    Hemmung d. Naturalismus (!) i. der Kunst übhpt.] In seiner Verteidigung hatte Elbogen den größeren Zusammenhang hergestellt: »Es handle sich vielmehr um die Hemmung einer neuen Kunstrichtung, des Naturalismus. Principiis obsta. Wenn Sie diesen Anfängen nicht widerstehen, meine Herren Geschworenen, dann ist es mit aller Kunst und Literatur für alle Zeiten aus und vorbei.« ([O. V.:] Vergehen gegen die Sittlichkeit. In: Neue Freie Presse, Nr. 10.387, 24. 7. 1893, S. 3–4, hier S. 4).

    40 Zeilen] [O. V.]: [[Man schreibt uns aus Ischl]. In: Berliner Börsen-Courier, Nr. 343, 25. 7. 1893, Morgen-Ausgabe, S. 4.

    publicieren] Nicht erschienen.