Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 13. 7. [1891]



*Bad Fuſch, 13 Juli.
Mir fehlt hier irgend etwas; was, weiß ich ſelbſt nicht. Vielleicht Sonne. Vielleicht Lärm. Dann wird wohl Salzburg helfen. Ich habe einen dicken Paletot an, auf dem Papier tanzen grelle kalte Lichter, der Brunnen plätſchert und es riecht nach reinlichen kleinen Kindern. Wenn das eine Stimmung iſt, ſo iſts zumindeſten nicht die, die ich brauchen kann. En attendant les’ ich Nietzſche und freue mich wie in ſeiner kalten Klarheit, der »hellen Luft der Cordilleren«, meine eigenen Gedanken ſchön cryſtalliſieren. Ich denke ſehr viel, wie immer wenn mir nichts einfällt, und ſchlecke künftige Geburtstagstorten ab: das heißt, ich genieße in zahlloſen Plänen das Beſte von künftigen Arbeiten: das Grauen vor der tragiſchen Situation und die Freude am Combinieren. Wozu verdirbt man ſich das eigentlich alles, indem man die ſchlechteſte Momentphotographie davon feſthält und aufhebt? Dumme Frage *übrigens, Kunſt kommt von Können und Können heißt ſchreibenkönnen. (Mod. Rundschau 5 u. 6 Heft, Seite 17 .  .  . ff.)
So dumme Fragen frage ich nur wenn ich Gedanken denke ſtatt mein Leben zu leben. Ich möchte mich alſo verlieben, oder täglich lawn-tennis ſpielen, oder meinetwegen Macao, oder ſonſt eine Beſchäftigung erleben.
Sonſt werd ich noch ein »ganzer Politiker«, wie der Sauhirt von ſeinem alten Vorſtehhund neulich ſagte, der aus Altersſchwäche dumm geworden iſt. Der Sauhirt iſt keine Fiction, ſondern mein liebſter Umgang, ſeine Tochter aber, das liebliche Saumenſch, heißt Berenike (abgek. Vroni) und war zu ihrer Blütezeit Kellnerin. Außerdem laſſe ich mir von einer alten Engländerin auf naſskalten Spaziergängen viel erzählen: von der Mozambiquebai, wo die Leute meiſtens Würmer unter der Haut haben (ſie war dort als junge Frau) oder von dem häſslichen boycott in Irland und den ſchönen rothhaarigen Cocotten von Dublin (von denen ſpricht ſie ſo giftig gut, wie aus einem ressentiment heraus, ſie muſs dort etwas unangenehmes erlebt haben) oder von Henry Irving oder von Sir Laurence Oliphant, dem großen Medium.
*Ihre Tochter wäre mir natürlich lieber, aber die iſt in Ceylon. Ich leſe Homer, Maupassant, das Linzer Volksblatt, Eichendorff und cette touchante histoire de petite Secousse, die manchmal ſo ſchön iſt, qu’elle donne presque envie de pleurer, trotz Boulange, Mysti-, Ch×××- , Stoi- und Katholi-cismus. Ich habe gar keine eigenen Empfindungen, citiere fortwährend in Gedanken mich ſelbſt oder andere, habe auch die dumme letzte Scene von »Geſtern« noch immer nicht fertig gebracht, dafür aber von Goldmann, der immer auf der Eiſenbahn zu ſein ſcheint eine, ſoweit man ſie leſen kann, ſehr herzliche Karte bekommen. Jetzt muſs ich packen (ganz origineller Abgang!) ſchreiben Sie mir, mein verehrter Freund, bitte, bald und geben Sie Ihr Project mich irgendwo zu beſuchen, nicht auf.
Herzlichſt
Loris
    Bildrechte © University Library, Cambridge

    Paletot] Herrenmantel

    En attendant] französisch: in Erwartung

    les’ ich Nietzsche] Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Chemnitz: Schmeitzner 1878.

    hellen Luft der Cordilleren] Hofmannsthal markiert die Stelle eindeutig als Zitat. Dabei variiert er zumindest seine eigenen Aufzeichnungen vom 21. 5. 1891: »In Nietzsche ist die freudige Klarheit der Zerstörung wie in einem einem hellen Sturm der Cordilleren oder in dem reinen Lodern grosser Flammen«. (Hugo von Hofmannsthal: Aufzeichnungen. Hg. Rudolf Hirsch † und Ellen Ritter † in Zusammenarbeit mit Konrad Heumann und Peter Michael Braunwarth. Frankfurt am Main: S. Fischer 2013, S. 108 (Sämtliche Werke, XXXIX).) Vgl. auch den Briefentwurf in der gedruckten Ausgabe, S. 323.

    Mod. Rundschau 5 u. 6 Heft, Seite 17 .  .  . ff.] Hermann Bahr: Vorsatz. In: Moderne Rundschau, Bd. 3, H. 5/6, 15. 6. 1891, S. 178–180. Es handelt sich um die »Einleitung zu Bahr’s demnächst (bei E. Pierson in Dresden) erscheinendem neuesten Buche: ›Russische Reise, ein lyrischer Zwischenakt‹.«

    Macao] Glücksspiel mit Karten

    Tochter] keine weiblichen Nachkommen nachweisbar

    cette touchante histoire de petite Secousse] französisch: die rührende Geschichte von der kleinen Schüttlerin (Barrès bezeichnet so die Hauptfigur Berénice.)

    qu’elle donne presque envie de pleurer] französisch: dass sie nahezu Lust zu weinen macht