Thomas Mann an Arthur Schnitzler, 1. 2. 1929

Dr. Thomas Mann München den 1. II. 29.

Poschingerstr. 1

Lieber, verehrter Herr Doktor Schnitzler,

Haben Sie Dank für Ihre Zeilen! Ich war glücklich, sie zu erhalten, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich in Wien nicht versucht habe, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, Sie zu sehen, zu sprechen. Ich brauche kaum zu sagen, warum es nicht geschah. Es war Scheu vor dem schrecklichen Kummer, den das Schicksal Ihnen kürzlich zugefügt hat, und von dem wir alle mit Ihnen so tief erschüttert wurden. Ich wusste nicht, ob Sie aufgelegt seien, meinen Besuch oder irgend welchen anderen zu empfangen. Aber Ihre Zeilen lassen mich hoffen, dass ich bald wieder einmal die Freude haben werde, Ihnen die Hand zu drücken.
Nun zu Ihrer Anfrage. Ich habe die Aufforderung des »Book of the Month Club« erhalten und zustimmend beantwortet. Die Leute stellen sich ein präsentables Komitee zusammen, und da sie notorisch viel Geld haben, finde ich nichts Böses darin, mir meinen Namen honorieren zu lassen, zumal es ja in der Tat nicht ganz ausschliesslich der Name ist, sondern ich durchaus gesonnen bin, ihnen von Zeit zu Zeit einen Brief zu schreiben und sie auf deutsche Bücher hinzuweisen, die für ihre Veröffentlichungen in Betracht kommen. Das ist eine geistige Teilnahme, die sie belohnen dürfen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn Sie diesen Gesichtspunkt anerkennen würden und auch dabei wären.
Seien Sie recht herzlich und verehrungsvoll begrüsst
von Ihrem ergebenen
[hs.:] Thomas Mann
    schrecklichen Kummer]
    Der Tod der Tochter Lili im Juli 1928.