Hugo Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 10. 7. [1928]

mein lieber Arthur, schon seit ich das Buch gelesen habe, wollte ich Ihnen ein paar Worte über den Roman »Therese« sagen. Aber der letzte Monat war bei mir sehr unruhig, durch die beiden Opernpremieren und verschiedenes Andere. Auch war ich dazwischen eine Woche in Salzburg, um Reinhardt bei einem Film2 zu helfen, dies nur aus dem Grund, weil es – im Fall des Gelingens – ein Stück Geld einträgt und ich alles daran setzen möchte für Christiane ein kleines Haus in Heidelberg zu kaufen (natürlich in den bescheidensten Dimensionen) – denn die Wohnverhältnisse dort sind unerträglich.
Sie haben nicht auf mich gewartet, um zu hören, dass Sie in einer Epoche in der es sehr wenige Meister gibt, ein Meister der Erzählung sind. In allen Ihren kurzen und mittelgroßen Erzählungen ist ein wunderbar sicheres Maßgefühl wirksam – und dadurch, durch ihre schönen Maße, bleiben sie auch so schön und lebendig in der Erinnerung. Dabei ist in ihnen alles mit sparsamen aber sehr reinen Farben gemalt, die Abstufungen der Farbe mit dem sichersten Instinct hingesetzt, das Ganze ist nie grellbunt, nie aber stumpf – von den ungeheuren rhythmischen Vorzügen aber will ich gar nicht sprechen. Die große Lebenserzählung Therese aber hat mich besonders gefesselt und beschäftigt. Schon der Stoff gehört ganz nur Ihnen. Indem Sie diesen Stoff wählten: das Leben einer Wiener Gouvernante – war schon eine ganze Welt hingestellt, und ein großer Reichtum von Aspecten, Stimmungen, Gefühlen und gedankenhaften Halbgefühlen im verstehenden Leser gesichert. Ganz besonders groß aber tritt Ihr Vorzug, einem Stoff den Rhythmus zu geben, wodurch er Dichtung wird, hier hervor. Eben was dem stumpfen Leser monoton scheinen könnte, dass sich sozusagen die Figur des Erlebnisses bis zur beabsichtigten Unzählbarkeit wiederholt, das hat Ihnen ermöglicht, Ihre rhythmische Kraft bis zum Zauberhaften zu entfalten. Es sind diese Vorzüge, die ein Kunstwerk über viele andere scheinbar ähnliche, bis zur Unvergleichbarkeit erheben, und die es auf lange lebendig erhalten werden.
Über Christianes Vermählung freuen wir uns sehr. Sie hat ein besonders liebenswertes Wesen, einen sehr schönen loyalen Character, viel Verstand, aber einen menschlichen keinen frauenhaften, und gerade die subtilen Waffen für den Lebenskampf, die nur der Frau, je mehr Frau sie ist, umso wirksamer gegeben sind, sind ihr versagt. Es war vielleicht zu fürchten dass gerade der Mann, der ihren Wert zu erkennen bestimmt war, sich unter den Besten dieser Generation, den Gefallenen, befunden hätte. Aber dieser gerade, den sie nun gefunden hat, ist aus vierjährigem Schützengrabendasein munter und unversehrt hervorgestiegen.
Ich lernte ihn diesen Winter in Heidelberg kennen, und ich muss sagen, er gefiel mir sehr. Alles was er sagte, und wie er es sagte, war mir gleich sympathisch. Dabei streifte mich nicht einmal der Gedanke dass die zwischen ihm und Christiane bestehende muntere gesprächige Freundschaft je zu etwas anderem führen könnte, als eben zu Freundschaft.
Dass Sie, wie ich von Freunden öfters gehört habe, an Ihrem Schwiegersohn wirklich einen Freund gewonnen haben, und eine Bereicherung Ihres Lebens, nehme ich als ein gutes Omen.
Ich drücke Ihnen herzlich die Hand, lieber guter Arthur.
Ihr
Hugo.
    beiden Opernpremieren]
    Die ägyptische Helena wurde am 6. 6. 1928 in Dresden, am 12. 6. 1928 in Wien aufgeführt.
    eine Woche in Salzburg]
    Von 19. bis zum 25. 6. 1928.
    Vermählung]
    Diese hatte Mitte Juni 1928 stattgefunden.
    Schwiegersohn]
    Die Hochzeit der noch nicht achtzehnjährigen Lili mit dem italienischen Faschisten Arnoldo Cappellini hatte am 30. 6. 1927 stattgefunden.