Robert Adam an Arthur Schnitzler, 11. 5. 1928

Wien, am 11. Mai 1928

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich vermute, daß Sie nunmehr von Ihrer Reise in Gegenden, zu denen auch mich seit Jahren eine in meine ständigen Lektüre wurzelnde, noch unerfüllbare Sehnsucht oder Neugier lockt, von den Erdbeben unbetroffen zurückgekehrt sind, und will Ihnen für zwei Dinge danken.
Vorerst für Ihren Roman, den ich in der freien Zeit, die mir meine jetzt grausam-anstrengende Amtstätigkeit ließ, mit herzhafter Freude und bewunderndem Schauer gelesen habe. Ich habe natürlich Ihre Therese gekannt, wenn auch nicht unter diesem Namen; ich kannte sie unter mancherlei Gestalten, von Kindheit auf, als sie um mich bemüht war – damals hieß sie vor allem Fräulein Josefine –, und späterhin, als ich, ein junger Mensch, um sie bemüht war, im Volksgarten, im Prater, in Schönbrunn und auch im Luxembourg, und schließlich ist sie mir oft bei Gericht entgegengetreten. Aber in welch wunderbar-exakte einfache Chronik haben Sie den furchtbar-trostlosen Lebenslauf dieser sympathischen Alltagskreatur zusammengefaßt! Ich kenne nur noch ein Buch, das, wie Ihr Schopenhauerisches,die unendliche Trost- und Fruchtlosigkeit des Menschendaseins (tat twam asi) im Aufrollen der Qual eines endlosen Einzelschicksals aufzeigt: Une Vie.
Nur der Jurist in mir, dem alles Menschliche nur Tatbestand ist, fühlt sich nicht gleich befriedigt: denn er schüttelt darüber den Kopf, daß Theresens böser Bub ganz ohne Vormund auskommen muß – trotz der gut funktionierenden Wiener Vormundschaftsgerichte –, und auch die Altersgrenze von sechzehn Jahren (auf S. 277) will ihm nicht gefallen. Aber diese kleinlichen Bedenken der Juristen haben einem großen Kunstwerk gegenüber, wie Ihr Roman es ist, wirklich nichts zu besagen.
Und dann danke ich Ihnen herzlich für die Mühe, die Sie sich mit der Lektüre meiner korpulenten Komödie gemacht haben, und für Ihren liebenswürdigen kritisierenden Brief. Ich bin für die Mängel meiner Arbeit keineswegs blind. Als einen ihrer Hauptfehler sehe ich es an, daß der gedankliche Aufbau in einer theaterwidrigen und abstrusen Szene – der Wanderung durch das Gehirn und Unterbewußtsein in’s Transzendente – gipfelt, während der Höhepunkt des äußeren Geschehens, der Sieg der Revolution, ganz gegen den Schluß verschoben ist, sodaß Inkongruenz und Unsymmetrie bestehen. Auch die unwillkürliche Annäherung an den von mir zwar geehrten, aber tief perhorreszierten Ibsen ist mir sehr unangenehm und für die Erschaffung dieser unverzeihlichen Liga möchte ich mich am liebsten, wenn’s nicht ohnedies zu spät wäre, selbst prügeln.
Hoffentlich flicht sich meine nächste Arbeit um einen weniger absurden Stoff. Es ist schrecklich, daß man Stoffe nicht wählen kann.
Mit den besten Grüßen und Empfehlungen Ihr
tief ergebener
DrRAdam
    tat twam asi]
    »Das bist Du!«, wie Schopenhauer den Satz aus den Upanishaden übersetzte.