Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 29. 12. 1927

Rodaun. 29 XII. 27

mein lieber Arthur,

nicht leicht hätte mich etwas so bewegen können, wie dieses Buch mit einer Auswahl Ihrer Betrachtungen und Aphorismen. Wenn ich eines Ihrer Stücke oder eine Ihrer unvergleichlichen Erzählungen aufschlage (beides immer mehrmals im Jahr) so bin ich freilich vermöge der Gegenwart dessen, der hinter den Gestalten steht, auch in Ihrer Gesellschaft. Hier aber widerfährt mir dies in einer doch viel directeren Weise. Es sind nicht die Resultate des Denkens, die bei mir vielfach andere wären, auch nicht einmal die Gegenstände des Denkens (auch in denen tritt die individuelle Verschiedenheit zu Tage, die zwischen uns fast so groß ist wie die wechselseitige Sympathie) – es ist etwas viel Intensiveres: der Rhythmus Ihres Denkens rührt mich unmittelbar an, und damit das wahre unauflösliche Geheimnis Ihrer Person – und bewegt mich tief. – Ich erinnere mich, dass wenige Tage nach dem Tod meiner Mutter mich der Anblick ihres Kastens tief erschütterte; da lagen in Fächern, nett in Seidenpapier gewickelt, Schlüssel, Notizbücher, hundert kleine unansehnliche Gegenstände, alle verknüpft mit den kleinen Bemühungen und Lasten eines weiblichen Lebens, und aus dem allen brach das Gefühl dieses nun abgerissenen Lebens mit einer das Herz zusammendrückenden Gewalt hervor, ganz anders als etwa aus hinterlassenen Briefen.
Ich weiß, Sie haben jetzt den Besuch Ihrer Tochter. Wenn Sie mich später einmal sehen wollen, schreiben Sie mir ein Wort.
In Freundschaft
Ihr
Hugo.
    Tod meiner Mutter]
    Sie starb am 22. 3. 1904.