Felix Braun an Arthur Schnitzler, 25. 12. 1927

Wien, den 25. XII. 27.

Verehrter Herr Doktor!

Für Ihr neues Werk, die liebe Weihnachtsüberraschung, sage ich den Dank eines zwiefach Beschenkten. Ich wollte warten, bis ich das ganze Buch gelesen, doch wurde sein Gewicht immer schwerer, und obwohl ich nach der Kenntnis von etwa der Hälfte aussprechen darf, daß ich um seinen Geist weiß, unterbreche ich die Lektüre, um ein Dankwort an Sie zu richten. –
Ich hatte gefürchtet, daß mir Ihr Buch nicht genug nahe sein möchte – das Gegenteil erweist sich schon jetzt. Was geradezu beglückend für mich war, war das Zusehen der Geburt einer Frömmigkeit aus dem Geiste des Zweifels. Ich bewundere die Ehrlichkeit und die Kraft des Denkers in Ihnen – manches ist so philosophisch wie nur ein Traktat der deutschen Transcendental-Philosophie –, und ich kann nicht nur von dem älteren, lebenskundigeren, auch von dem schärfer und strenger blickenden Geist, der hier rein männlich und ringend waltet, lernen. Manches Ihrer Worte mutet, bis in die Sprache hinein, die vollendet ist, wie aus der Antike an.
Das ist ein Buch, das mich lange begleiten wird. Sehr, sehr schön ist es, scheinbar ganz Geistgestalt, doch das Erlebte ist überall spürbar. Welch ein Reichtum an inneren Blicken! Auf S. 111 Nr. 48 und auf S. 121 Nr. 80 trafen mich selbst.
Es ist sehr gut, daß dieses Buch von Ihnen da ist, eben aus den Gründen, die Sie in der Vorrede anführen. Unter den Sprüchen in Versen fehlt mir ein Gedicht von Ihnen, das ich als Knabe in einer Weihnachtsbeilage las und seither in mir trage:
das ist ein wunderbares Gedicht, ein Krystall, und sollte sichtbar sein.
Zum Jahrbeginn wünsche ich Ihnen, verehrter Herr Doktor, viel Liebes und Freudiges, und so bleibe ich, nochmals von Herzen für Ihr Geschenk dankend, Ihr wahrhaft ergebener
Felix Braun.
    Nr. 48]
    »So mancher glaubt, immer noch einem verlorenen Glücke nachzuweinen und es ist längst nur mehr der abgeschiedene Schmerz darum, dem seine Tränen fließen.«
    Nr. 80]
    »Ein tragikomisches Schicksal: sein Leben zerstört zu wissen und niemand haben, an dessen Brust man sich darüber ausweinen möchte als allein das Wesen von dem es zerstört wurde.«
    Weihnachtsbeilage]
    richtig: Pfingstbeilage.