Robert Adam an Arthur Schnitzler, 21. 3. 1927

Wien, am 21. März 1927.

Hochverehrter Herr Doktor!

Die liebenswürdige Übersendung Ihres Werkes hat mir die größte Freude bereitet, nicht nur die an Ihrem Werke selbst, sondern auch durch die Erkenntnis, daß Sie, den ich von allen lebenden deutschen Dichtern am höchsten schätze, meine kleine und nun im Aktenstaub schon ganz und gar vertrocknete Existenz noch nicht ganz vergessen haben. Ich weiß also gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.
Ich habe Ihr Werk, sobald ich nach Überwindung eines aufgetürmten Aktenbergs zu ihm gelangen konnte, mit Eifer und Lust studiert (nicht bloß gelesen) und möchte, wenn Sie es gestatten, einige Bemerkungen, die sich mir aufdrängten, kurz skizzieren.
Der von Ihnen unternommene Versuch, die alten theophrastisch-La-Bruyèreschen Bemühungen von einem höheren Gesichtspunkte aus wiederaufzunehmen und in das Wirrsal der uns umdrängenden (und schließlich auch in uns selbst hausenden) menschlichen Charaktere durch Auszeichnung und vergleichende Gegenüberstellung von Urtypen reinliche Ordnung zu bringen, den Bestand gewisser Geistesverfassungen, gesondert von Begabung und Seelenzuständen hervorzuheben und dadurch der Charakterisierung von Einzelindividuen die sichere Grundlage des feststehenden Vergleichstypus zu schaffen, ist ungeheuer interessant und, wie ich meine, wertvoll; er scheint mir geeignet, eine noch fehlende Disziplin der Charakterologie einzuleiten, und ich bin sicher, daß nunmehr, da Sie den Weg gezeigt haben, das Volk der philosophischen Kärrner, an dem kein Land so reich ist wie Deutschland, mit Schotterzufuhren und bequemer Ausharkung, mit Anlage von Abzugsgräben und seitlicher Rasenverbrämung nicht kargen wird. Es bedarf oft nur des Manifestes (aber es bedarf seiner) eines großen Geistes, damit eine ganze große Welt entstehe. Mir kommen hiebei die wenigen Seiten des kommunistischen in den Sinn und die neue Art von Geschichtswissenschaft, die sich über ihnen aufgebaut hat.
Wenn ich, der Skeptiker, einen kritisierenden Kärrnerbeitrag liefern darf, so würde er der »ideellen unüberschreitbaren Grenzlinie« gelten, die Ihre Diagramme zwischen den positiven und negativen Typen ziehen. Es ist mir klar, daß die Urtypen nicht empirisch konstatierte Haupterscheinungsformen menschlicher Geistesverfassungen sind, sondern Abstraktionen bestimmter derartiger Gestaltungen (nicht eine Erfahrung, sondern eine Idee, um ein bekanntes Wort zu zitieren). Lägen empirisch gefundene Haupttypen vor, dann wäre es ohne weiteres evident, daß eine strikte Scheidewand zwischen ihnen nicht errichtet werden könnte: da die unendliche Mannigfaltigkeit der wirklich gegebenen Charaktere die Gewißheit gäbe, daß es zwischen allen solchen Typen, die nur als Grenztypen gelten könnten, Übergangsformen in ununterbrochener Reihe geben müsse. Aber auch bei Aufstellung von Urtypen als Ideen (Gebilden des Sollens, nicht des Seins, wie Kelssen sagen möchte) handelt es sich nicht um kontradiktorische, sondern um konträre Gegensätze, die die Möglichkeit einer unendlichen Reihe sie verbindender Varietäten nicht ausschlössen. Auch die Urtypen als Ideen sind Grenztypen.
Sie bezeichnen zwar die Typen der oberen Vierecke als die positiven, die der unteren als die negativen, und positiv–negativ oder plus und minus (S. 9) sind allerdings kontradiktorische Gegensätze: nicht aber werden es die Typen durch diese Bezeichnung.
Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man auf die Grundidee zurückgeht, die der Unterscheidung der Seite »Gottes« und der Seite »des Teufels« zugrundeliegt (welche poetischen Termini, wie ich besorge, in Menschen das Mißverständnis erwecken können, es sei auf eine Distinktion im Sinne christlicher Moral abgezielt). Sie liegt wohl darin, daß den einen das Werk Zweck, den andern Mittel zum Zweck ist, woran sich der Gegensatz zwischen Idealismus (im landläufigen Sinne) und realistischer Lebenseinstellung und zwischen Altruismus und Egoismus anschließt (obwohl man vielleicht sagen könnte, es sei ein Egoismus im höchsten Sinne, wenn der Positive nur für sein Werk lebe, da es dem Schöpfer nur eine andere Form seines Ich sei). Alle diese Gegensätze nun sind konträre, und daraus folgt, daß die auf ihrer Basis einander gegenübergestellten Typen ebenfalls einander konträr gegenüberstehen, das heißt Endglieder von Reihen sind, deren Elemente in unendlich kleinen Unterschieden sich steigernd gedacht werden können. –
Ich muß es, um Ihre Geduld nicht zu erschöpfen, bei diesen Anmerkungen bewenden lassen: obwohl ich Lust hätte, noch so Manches festzuhalten, was mir bei der Durchstudierung Ihres Werks – eines der anregendsten, die ich kenne – an klugen und unklugen Gedanken gekommen ist.
Nehmen Sie nochmals, hochverehrter Herr Doktor, meinen besten Dank!
Mit vielen Empfehlungen Ihr
ergebener
DrRAdam
    (aber es bedarf seiner)]
    Ursprünglich nach »eines großen Geistes«, durch Verschiebezeichen im Satz umplatziert.
    ideellen unüberschreitbaren Grenzlinie]
    Vgl. S. 9 der Erstausgabe (= Abschnitt 2).
    nicht eine Erfahrung, sondern eine Idee]
    Nach Goethes Schilderung habe Schiller seine Vorstellung einer Urpflanze mit der Argument »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee« abgelehnt (Glückliches Ereignis).