Felix Braun an Arthur Schnitzler, 15. 3. 1926



*Wien, den 15. III. 26

Verehrter Herr Doktor!

Tief ergriffen und bewegt hat mich Ihr »Gang zum Weiher« und nicht nur dieſe Wirkung, zu der die ſchönſte äſthetiſche tritt, auch eine innerſt-perſönliche fühle ich auf mich ausgeübt, Antwort auf manche Frage, Qual und Furcht gegeben, und ſo kann ich nur ſagen, daß ich Ihnen für dieſe Dichtung als Leſer, als Schriftſteller und nicht zuletzt als Menſch aufs Innigſte verbunden bin.
Es iſt eine Dichtung der Weisheit und der ſpäten Einſamkeit, von der die Jugend, die Einſamkeit ſo leidenſchaftlich ſucht, nichts *ahnt. Wie ſchon im »Einſamen Weg« und neuerdings in der »Komoedie der Verführung« iſt hier Einſamkeitsluft um die Geſtalten von Männern, die aus der Jugend getreten ſind. Das iſt ſehr erregend und ergreifend. Dieſe Tragoedie des Mannes haben Sie wohl als Erſter gedichtet. Und dies Älterwerden beginnt vielleicht weit früher, als es ſich Jugend träumen läßt. Das Erbarmungsloſe, das in ſolchem Kampf jeden, aber auch jeden Vorzug zu nichte macht, iſt noch nie ſo erkannt, ſo gewieſen worden.
Schön ſind die Verſe, Ihre ſchönſten bisher. Dieſelbe hohe, klare Luft ſchwebt über ihnen. Ein Goethe’ſcher Hauch, überhaupt Atem unſerer klaſſiſchen Dramendichtung *beglückt darin mit. Daß Sie durch das neue Werk an unſere große Tradition anſchließen, iſt mir beſonders, der ich ich mich immer darum bemüht habe, erwünſcht und wertvoll.
Nicht ganz überzeugend finde ich die Geſtalt des Mädchens. Soll ſie nur eine Idee ſein? Die der Jugend? Die des weiblichen Naturweſens? Sie verſagt nach meinem Gefühl ſowohl gegen Konrad wie gegen Sylveſter. Sie iſt nicht weiblich und nicht menſchlich genug. Andererſeits wüßte ich freilich ſelbſt keine beſſere Löſung.
Ich ſchreibe in Eile, denn ich bin vor der Abreiſe: in Karlsruhe wird mein »Tantalos« geſpielt und ich will bei den *Proben dabei ſein. Es iſt zum erſten Mal, daß ich das erlebe.
Seien Sie von Herzen bedankt, verehrter Arthur Schnitzler! Wie glücklich müſſen Sie beim Schreiben dieſes Werks geweſen ſein! Ich halte es für Ihr größtes!
Wie immer verharrendIhr
Felix Braun.
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar
    Abreise]
    Die Uraufführung fand am 27. 3. 1926 im Badischen Landestheater Karlsruhe statt.