Hugo Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 9. 3. [1926]

Rodaun 9 III

mein lieber Arthur

Lili, das hübsche, Hüte wechselnde, schwer wiederzuerkennende Wesen sagt mir, dass Sie schon eine ganze Weile zurück sind, in dessen ich Sie noch in Deutschland glaubte.
Sie soll mir nur freundlich verzeihen und mich immer etwas vertraulich anlächeln. Denn ich habe nicht etwa ein schlechtes Physiognomieengedächtnis, sondern etwas viel Sonderbareres. Meine Phantasie verändert mir das Erinnerungsbild, sie gestaltet um, verschärft einen bestimmten Zug, und tritt dann das Original vor mich, so weigert sich die Phantasie, die Identität anzuerkennen. Ich grüße infolgedessen in einem Theater oder auf der Gasse fast nur fremde Menschen, deren Gesichter ich mit vermeintlichen Gesichtern in einen plausiblen Zusammenhang bringe. Außerdem aber habe ich schlechte Augen. Soviel nun von Lili u. meinen schwierigen, durch wechselnde Hüte und wechselnden Ausdruck noch erschwerten Begegnungen mit ihr. Jetzt aber eine Bitte, eine Quälerei, eine mehr zu den vielen die jede Post bringt. Aber ich wage es, denn es handelt sich darum, einem ordentlichen, in die schwierigste Lage geratenen Menschen zu helfen. Der Verleger Erich Reiss (Verleger von Brandes und anderen, fast lauter guter Sachen) ist zusammengebrochen. Es wäre ihm vom größten Nutzen, vor allem moralisch, wenn Sie (ebenso wie ich) die Güte haben wollten, ein paar Zeilen in Maschinschrift zu dictieren, worin Sie bekunden dass der Verlag Erich Reiss ein Unternehmen von culturellem Wert war.
Bitte tun Sie es auch mir zu lieb, ich kenne den Menschen seit vielen Jahren, und durchaus im Guten.
Ein paar überaus liebe Zeilen, die Sie mir vor vielen Wochen schrieben, klingen immer in mir nach. Soll ich, wenn es freundlicher wird, zu einem Vormittagsspaziergang hinüber kommen? Oder gibts eine andere Form der Begegnung, die Ihnen nicht beschwerend ist?
In Freundschaft Ihr
Hugo.
PS Die Sache mit E. Reiss ist, soviel ich verstehe, dringend eilig!