Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 3. 1. 1926

Wien, 3. 1. 926

Mein verehrter und lieber Freund,

Ihr Neujahrsgruss hat mich beschämt. Was konnte ich in Wien besondres für Sie thun – die höchst bescheidene Gastfreundschaft die ich Ihnen und Frau Rung erweisen durfte, bedeutete mir mindestens so viel Freude als Ihnen – und wie wenig war es in jedem Fall im Verhältnis zu der tiefen Dankbarkeit und Liebe, die ich für Sie empfinde. Und ich halte Sie immer zumindest geistig in meiner Nähe: kaum ein Abend ist im Lauf des letzten oder der letzten Jahre vergangen, ohne dass ich ein paar, und öfters recht viele Seiten von Ihnen gelesen. Und in Ihnen ist eine so wunderbare Identität des Menschen und des Schriftstellers, dass man immer mit Ihnen ist, wenn man Sie liest.
Die »Frau des Richters« war zuerst in der Vossischen gedruckt – und eigentlich als Einakter intendirt. Das Stück wollte mir nicht gelingen, so hab ich die Handlung zu erzählen versucht. Mein Herz hängt nicht an dieser kleinen Geschichte. Viele Jahre aber hat mich ein fünfactiges Versdrama »Der Gang zum Weiher« begleitet, das schon im Druck ist und das ich Ihnen hoffentlich bald schicken kann, ebenso wie eine größere »Traumnovelle« (die eben in Fortsetzungen in der Dame erscheint –). Und ganz besonders viel beschäftigt mich – auch seit Jahren schon – allerlei aphoristisch–fragmentistisches, – worunter vielleicht zwei Diagramme »Der Geist im Wort« und »der Geist in der That«, philosophische Spielereien nicht ohne tieferen Sinn, Sie unterhalten werden.
Ich hoffe Sie sind so wohl und gesund als Ihre jungen und festen Schriftzüge vermuthen lassen. Darf ich Sie bitten, der liebenswürdigen Frau Gertrud Rung meine herzlichsten Gegengrüße zu bestellen? Und an Sie, mein lieber und wahrhaft verehrter Freund, gehen meine innigsten Wünsche Tag für Tag.
Auf Wiedersehen.
Ihr getreuer
Arthur Schnitzler