Arthur Schnitzler an Hugo Hofmannsthal, 16. 11. 1925

Wien 16. 11. 925

mein lieber Hugo, Ihr schönes Stück hab ich noch in Berlin erhalten und es ist recht unhöflich, dass ich Ihnen nicht gleich gedankt habe. Mit ein Grund ist gewesen, dass ich erst in den letzten Tagen dazu kam den Calderon, der Ihnen dazu eine Anregung gab, zu lesen, und es war mir im höchsten Grad interessant, wie völlig neu und selbständig Sie Ihr Drama geschrieben haben. Nur einige äußere Momente sind erhalten; – nicht nur die Gestalten sind neu geschaffen; – auch das Problem, das innere Licht ist etwas ganz neues geworden, und völlig Ihr Eigentum. An manchen Stellen wünscht ich mir geringere Weitläufigkeit, und der Humor des Dieners ist nicht durchaus nach meinem Sinn, wenn ich auch fühle, sehr im Stil des ganzen.
Ich freue mich, dss Sie in der Arbeit sind; auch ich bringe allerlei weiter. Eine neue Novelle (»Traumnovelle«) erscheint bald; mein Versstück »Der Gang zum Weiher« ist fertig; nun dictir ich eine weitere Novelle, deren Schluss noch unsicher ist; arbeite an einem Roman (der richtiger eine Chronik zu nennen sein wird); und bringe verschiedentliches aphoristische und fragmentarisches in Ordnung so gut es geht, ja einzelnes gewissermaßen in Systeme. Theatralisch liegt allerlei angefangnes vor, – was ich zuerst fertig machen werde, weiß ich noch nicht.
Um Ihre Ausseer Abgeschiedenheit beneid ich Sie manchmal – weiß aber nicht, ob ich trotz zeitweiliger Sehnsucht nach etwas der Art lange aushalten würde. Es ist mancherlei Unruhe in meinem Leben; im ganzen fühl ich mich wohl, bei gelegentlichen, am häufigsten durch das Gehörleiden verursachten und geförderten Depressionen.
Ich hoffe Sie bald wiederzusehen.
Seien Sie von Herzen gegrüßt und bedankt!
Ihr
Arthur.