Arthur Schnitzler an Thomas Mann, 18. 11. 1923


Wien, 18. 11. 923

lieber und verehrter Herr Thomas Mann,

dürft ich mir im geringsten das Recht und die Kraft zugestehen, Sie zu Fortführung u Beendigung des Felix Krull anzuspornen, ich thät es, wenn man so sagen darf, aus vollen Stiefeln. Das Fragment, das vorliegt, find ich köstlich und kostbar. Ich weiß nicht, ob Sie selbst (verzeihen Sie die Anmaßung) die völlige Einzigartigkeit Ihrer Stimme so zu spüren im Stande sind, wie der Leser – aber ich wünschte, daß Sie das »Buch der Kindheit« einmal nur als Kenner und Genießer, nicht nebstbei als der Verfasser sich zu Gemüthe führten, – Sie hätten die reinste Freude und empfänden die Pflicht und den Drang zu »erinnern«, – wie ich sie empfand.
Ich wünschte zum Beschluss dieser Zeilen nicht von der Stadt reden, in der Sie leben, von der Welt, in der wir alle leben – nur die Hoffnung aussprechen, daß Sie mit den Ihren sich so wohl befinden, als es überhaupt möglich. Man erzählt sich, dß Sie bald nach Wien kommen wollen. Wir sehen einander hoffentlich gewiss wieder.
Seien Sie, mit Ihrer verehrten Gattin
sehr herzlich gegrüßt von Ihrem
freundschaftlich ergebenen
Arthur Schnitzler
(Darf ich vielleicht auch noch erwähnen, daß mein 21jähriger Sohn, wie meine 14jährige Tochter (die ein bischen über ihre Jahre hinaus ist) von Ihrem Fragment in gleicher Weise entzückt waren?)