Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 11. 6. 1923

Herrn Dr. Arthur Schnitzler

Kopenhagen 11 Juni 23

Liebster Schnitzler Seien Sie bedankt für die Güte, die Sie nicht weniger als drei mal einen Patienten aufsuchen lies. Ich war und bin Ihnen von ganzem Herzen dankbar. Ich hoffe dass Sie in Stockholm gute Erfahrungen machten. Ich habe leider keine schwedische Zeitung gesehen. Ich habe den Wunsch, dass es Ihnen in der hübschen Stadt gut ging und dass Sie was verdienten. Die schwedische Krone ist viel mehr werth als die dänische.
Ich bin augenblicklich auf dem Lande (Hornbæk, Villa Iris) um mich zu erholen, und es geht mir sehr gut, wäre nur nicht der Sommer so schlecht, das Wetter so kalt und regnerisch. Ich habe recht viel gearbeitet, gebe die 6te Ausgabe meiner alten vor halbhundert Jahren geschriebenen Hauptströmungen heraus, in vermehrter und verbesserter Gestalt, merze Irrthümer aus und füge Binsenwahrheiten hinzu.
Es war eine wahre Freude für mich, Sie wiederzusehen, anscheinend unangefochten von all dem Ungemach, das sich über Ihr Land wie über ganz Europa gestürzt hat. Sie haben augenscheinlich nicht weniger Widerstandskraft als Ihr jugendlicher Verehrer
G. B.
Grüssen Sie den Sohn, von dem Sie mir sprachen
    Grüssen Sie den Sohn, von dem Sie mir sprachen]
    am linken Rand