Thomas Mann an Arthur Schnitzler, 4. 9. 1922

München den 4. IX. 22.

Verehrter Herr Dr. Schnitzler,

ich habe Ihnen noch zu danken für die gütigen Zeilen, die mir Mr. Thayer, ein wirklich sehr sympathischer junger Mann, von Ihnen überbrachte. Es haben sich aus dieser Bekanntschaft geschäftliche Abmachungen ergeben, die mir als hochgradigem Familienvater höchst angenehm sein müssen.
Eine große Freude war es mir, bei Gelegenheit Ihres 60. Geburtstags von der Liebe zu zeugen, mit der ich Ihrem bezaubernden Lebenswerk anhänge. Eben lese ich Casanovas Heimkehr – die Novelle war mir sonderbarer Weise bisher unbekannt geblieben – und kann die tiefe Zufriedenheit nicht schildern, mit der ich mich von Ihrer Erzählungskunsse.
Im Oktober-Heft der Neuen Rundschau werden Sie einen größeren Beitrag von mir finden, einen Aufsatz, betitelt »Von deutscher Republik«, der vielleicht gar durch zwei Hefte wird fortgessen. Ich ermahne darin die renitenten Teile unserer Jugend und unseres Bürgertums sich endlich vorbehaltlos in den Dienst der Republik und der Humanität zu stellen, – eine Tendenz, über die Sie vielleicht erstaunt sein werden. Aber gerade als Verfasser der »Betrachtungen eines Unpolitischen« glaubte ich meinem Lande ein solches Manifest in diesem Augenblick schuldig zu sein. Und was die Verliebtheit in den Gedanken der Humanität betrifft, die ich seit einiger Zeit bei mir feststelle, so mag sie mit dem Roman zusammenhängen, an dem ich schon allzu lange schreibe, einer Art von Bildungsgeschichte und Wilhelm Meisteriade, worin ein junger Mensch (vor dem Kriege) durch das Erlebnis der Krankheit und des Todes zur Idee des Menschen und des Staates geführt wird. – Verzeihen Sie die unerbetene Vertraulichkeit! – –
Im Oktober werde ich Ihren Spuren in Holland folgen. Im Januar soll ich Wien wiedersehen und damit, so hoffe ich, Sie. Ich freue mich sehr darauf.
In herzlicher Ehrerbietung Sie grüßend bin ich, lieber Herr Dr. Schnitzler,
Ihr ergebenster
Thomas Mann.
    Oktober-Heft]
    es wurde November (S. 1072–1106)