Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 30. 1. 1922



*Wien, 30. 1. 1922
Mein lieber und verehrter Freund, es trifft sich gut, daß ich Ihnen auf Ihren letzten Brief noch zu antworten habe, so darf ich, ganz nebenbei und gewissermaßen unabsichtlich die Gelegenheit benützen und Ihnen zu Ihrem 80. Geburtstag Glück wünschen, von dem Sie natürlich nichts hören wollen. Aber we solche Daten auch nicht viel Sinn haben, – man darf zu einem solchen Tag rückhaltloser derart allerlei aussprechen, was sonst vielleicht pathetisch oder sentimental klänge, und so erlauben Sie mir nur ganz einfach hier niederzuschreiben, daß unter den Menschen, die älter sind als ich – und denen ich nicht eben durch die engsten verwandtschaftlichen Bande verknüpft war, kaum Einer ist, dem ich so von Herzen und von Geiste zugethan war und bin als Ihnen, Georg Brandes – und der mir – nicht nur durch seine Werke, sondern durch sein Sein, sein Dasein, – mein Bewußtsein von seiner Gegenwart *in der Welt so viel gegeben hat als Sie! Möchten Sie doch allen die Sie lieben und bewundern, noch lange erhalten bleiben, – und möchte es das Schicksal fügen, daß wir einander wieder einmal persönlich begegnen.
Was in jenem »Interview« gestanden, weiß ich natürlich nicht; – mir war es bisher ganz unbekannt, daß mich ein daenischer Journalist interviewt hat; – es waren 2 oder 3 Herren aus Daenemark im Lauf der letzten Jahre bei mir, und ich habe mich mit ihnen über allerlei unterhalten, – hoffentlich war das, was diesen Besuchern in Erinnerung verblieben, nicht so confus wie das Zeug, was ich gleichfalls als »Interview« mit mir, vor einem Jahr in einer amerikanischen Zeitung zu lesen bekam – Nun Sie haben wohl ähnliche Erfahrungen gemacht. Es freut mich schon aus Ihrem Brief zu entnehmen, daß ich immerhin über *Sie, lieber Freund, nichts böses geäußert zu haben scheine. Mit dem »Reigen« hab ich freilich allerlei dummes erlebt; – was mir aber kaum nah gegangen ist. Das schliste erfährt man ja immer (auch das wird Ihnen nicht neu sein) nicht von den Gegnern, – sondern von den Freunden, – die den bessern Theil der Tapferkeit, die Vorsicht wählen. Aber es ist schon wahr, – unter den zahlreichen Affairen meines Lebens, ist es wohl diese letzte, in deenr Verlogenheit, Unverstand und Feigheit sich selbst übertroffen haben. (Dabei gesteh ich ohne weiteres zu, daß gegen die Aufführung des »Reigen« immerhin auch ehrliche Einwendungen möglich sind – aber diesesolche ehrlichen und discutabeln Einwendungen sind eben in hundert Fällen, wo sie auch und besser am Platze gewesen wären, nicht erhoben worden.) Ich lege hier übrigens einen Artikel bei – das einzige Document, in dem ich selbst mich persönlich zu Worte habe kommen lassen; – er erklärt sich selbst.
*Meine beiden Casanova-Sachen, das Lustspiel »die Schwestern« und die Novelle »Casan. Heimfahrt« sind so entstanden, daß mir zwei Stoffe, die schon geraume Zeit unter meinen Papieren lagen, durch die Lectüre der Casanova Memoiren plötzlich lebendig geworden sind. Die Beschäftigung damit bedeutete keine bewußte Abkehr von der Zeit. Zu den Ereignissen selbst hätt ich natürlich geschwiegen – gelegentlich mußte man sich nur melden, um gegen eine Verläumdung oder gar gegen Mißbrauch seiner Unterschrift zu protestiren – Überraschungen hab ich eigentlich nicht erlebt, – die existiren für Unser Einen doch wohl nur in quantitativer Hinsicht.
Die Zustände in Wien sind übel genug, – die Preissteigerungen phantastisch 1000–2000 fach; – dabei ungeheuer viel Luxus; – und mehr stilles Elend als sichtbares. Die denen es am schlechtesten geht, halten weder Umzüge noch plündern sie. Wie es weiter gehen soll, weiß niemand. Wirkliche *Hilfe ka natürlich von außen – auch durch die berühmten Credite, nie und nier kommen; – es müßten die außerordentlichen inneren national-oekonomischen Möglichkeiten unseres Landes mit Energie und ohne jede Rücksicht auf parteipolitische und Interessen ausgenutzt werden; – aber vielleicht ist es heute schon zu spät dazu. An ein Zugrundegehen von Wien glaub ich nicht (etwa im Sinne von Venedig –), aber als was es sich erheben und wieder emporblühen soll – und wann, das vermag ich nicht vorauszusehen. –
In meinen äußeren Verhältnissen – da wo sie schon die innern sind hat sich manches verändert. Von meiner Frau bin ich geschieden, – aber wir sind gute Freunde geblieben, – ja in der letzten Zeit wieder geworden, köte man besser sagen. Sie lebt vorläufig in Salzburg, war aber in den letzten Tagen in Wien, und Sie köen kaum glauben, wie viel wir gerade von Ihnen gesprochen haben. Mein Sohn, der *heuer zwanzig wird, zeigt sich in theatralibus theoretisch und praktisch recht begabt, – auch musikalisch leistet er etwas. Dabei fehlt aber jede falsche Tendenz ins selbstschöpferische, – d. h. er dilettirt weder als Dichter noch als Componist. Ich glaube er ist der geborene Regisseur – und andre glauben es auch. Seine Hauptbeschäftigung ist jetzt Shakespeare; eben hat er eine Inszenierung von Maß für Maß gemacht – er arbeitet in der Hofbibliothek – jetzt Nationalbibliothek, – und hat auch an der Wanderbühne schon kleinere Rollen gespielt. – Meine Tochter Lili, zwölf vorbei geht ins Gymnasium; – declamirt die Jungfrau von Orleans, schreibt »Geschichten«, – und verwickelt mich jeden Morgen in die schwierigsten Gespräche über Gott und den freien Willen. Aber Landschaft, Schwimmen und Milchchocolade ist ihr glücklicherweise doch noch wichtiger.
Und von mir selber we Sie erlauben schreib ich Ihnen nächstens. Freundschaftlich treu
Der Ihrige wie immer
Arthur Schnitzler
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    Zeug]
    Unklar. Womöglich meint er Joseph Gollomb: Dr. Arthur Schnitzler on the Vienna of To-day. In: New York Evening Post, 5. 6. 1920, Sec. 3, S. [1] und S. 12. Vgl. A. S.: Tagebuch, 2. 7. 1902.
    Artikel]
    Artur Schnitzler: Berichtigung. Ein paar Worte zum Gutachten Maximilian Hardens über den »Reigen«. In: Neues Wiener Journal, Jg. 29, Nr. 9782, 30. 1. 1921, S. 6
    Mißbrauch seiner Unterschrift zu protestiren]
    Er spielt auf seine angebliche Unterschrift auf einer Protestnote gegen die Hinrichtung Ernst Tollers an, die am 11. 6. 1919 durch die Presse ging. Schnitzler hatte diese nicht unterschrieben und verfasste in Folge einen Leserbrief, indem er sich gegen die ungefragte Verwendung seines Namens verwehrte.